20.07.2005 Pazifikauster (Natur)

 

Die Sonne strahlt vom Sommerhimmel, die Urlauber bevölkern die Wattflächen – und treffen hier auf eine neu erschienene Tierart, die mit ihren scharfen Schalen das Barfußlaufen stellenweise unmöglich macht.

 

Die Pazifische Auster (Crassostrea gigas), eine bis zu 30 (!) cm große Muschel mit stark gewellten Schalen, hat die Austernzuchten in Holland, Frankreich und bei Sylt als Ausgangspunkte einer rasanten „Invasion“ genutzt und besiedelt nun von Norden und Westen das Wattenmeer.

 

Im Gegensatz zur ausgerotteten Europäischen Auster  ist die Schale der Pazifikauster nicht fein geriffelt, sondern stark gewellt, meist mit etwa sieben Wellen zum Rand hin.

 

Ungeübte Beobachter erkennen die Jungaustern oft nicht, da sie extrem formvariabel sind: rund, länglich, flach oder gewölbt. Oft verschleiern Seepocken oder anderer Aufwuchs die Schalenform der Auster. Manche Exemplare haben auch dunkle Strahlen auf der Schale, die aber im Alter verbleichen.

 

Die feine Außenkante, wo die Schale wächst, ist sehr scharf, sodass das Barfußlaufen auf Austernfeldern unmöglich ist. Einzeltiere liegen oft flach auf dem Watt, aber in dicht besetzten Bänken stehen die Austern aufrecht.

 

Hätten Sie gedacht, dass …

 

… der Artname übersetzt „riesige Dickauster“ heißt?

 

 … im Inneren lebender Austern und auf ihrer rauen Schale oftmals Kleinstlebewesen und Larven größerer Meerestiere verschleppt werden?

 

… Wattenmeer & Nordsee den Austerntransporten die Einschleppung von Pantoffelschnecke und Amerikanischer Bohrmuschel, Keulen-Seescheide und vermutlich vielen fremden Algen „verdanken“?

 

… die Austern weiter südlich in der Schelde schon so stark wachsen, das sie regelrechte Riffe bilden und Miesmuschelbänke überwachsen können?

 

… man bei Sylt schon 100 Austern pro qm finden kann?

 

… den winzigen Schwimmlarven Strandschnecken und andere kleine Objekte zur Ansiedlung reichen?

 

… die Besiedlung des nördlichen Wattenmeeres von der Sylter Austernzucht der Firma Dittmeyer ausgeht, wo irische Jungaustern gemästet werden?

 

… in Nordfriesland mitten im Nationalpark Wattenmeer ab sofort Jungaustern für „Onkel Dittmeyers“ Austern gesammelt werden dürfen? Er zahlt 8-12 Cent pro Stück und verkauft sie später für 2 Euro.

 

Wo ist die Pazifikauster zu finden?

 

Wie ihr Name schon nahe legt, stammt die Art aus dem nördlichen Pazifik, aus Japan. Sie ist allerdings in einer fast 100 Jahre währenden Nutzungsgeschichte sowohl an die Ostküste des Pazifiks als auch an die Küsten des Nordatlantiks verschleppt worden und hat sich hier vielerorts angesiedelt.

 

Die Vorkommen in Europa umfassen die Felsküsten von Portugal bis England sowie in zunehmendem Maße die Sandküsten der südlichen Nordsee. Um 1976 siedelte sie sich in der Schelde an. Seit 1991 tritt sie in West- und Nordfriesland auf. Seit 1998 in Ostfriesland.

 

Der Lebensraum der Pazifikauster ist das Watt nahe der Niedrigwasserlinie, wo sie sich vielfach auf Miesmuscheln ansiedelt. Ab 18° C Wassertemperatur und bei 17-26 Salzgehalt pflanzt sie sich fort.

 

Die Filterleistung der Austser ist sehr hoch und sie scheidet viel Schlick und Kot aus. Echte Fressfeinde sind bisher nicht bekannt.

 

Text: Rainer Borcherding (Husum)

Quelle: WATTREPORT, Nr. 07/05 – www.schutzstation-wattenmeer.de