15.01.2008 Welterbe Wattenmeer Nordsee (Natur)

 

Soll das Wattenmeer zwischen Den Helder und Esbjerg „Welterbe“-Gebiet („World Heritage Site) werden? Das Wattenmeer ist neben den hochalpinen Regionen die einzige großräumig erhaltene Naturlandschaft Europas und für fast 10 Millionen Zugvögel pro Jahr im Frühjahr und Herbst Rast- und Überwinterungsplatz. Außer der Grube Messel ist es dann in Deutschland das zweite UNESCO-Weltnaturerbegebiet. International einmalig wird dabei die Ausdehnung des Welterbegebietes über Staatsgrenzen hinweg sein.

 

Wichtigstes Kriterium für die Nominierung eines Kulturdenkmals oder Naturgebietes als „Welterbe“-Stätte ist ein außergewöhnlicher universeller Wert. Zugleich ist nach den Richtlinien eine breite Unterstützung der Behörden, der Interessengruppen und der Bevölkerung für die Anmeldung erforderlich. Deshalb ist schon einige Zeit vergangen zwischen der ersten Idee, das Wattenmeer als „Welterbe“ zu nominieren, und der endgültigen Entscheidung, den Antrag bei der UNESCO in Paris einzureichen.

 

Alles begann 1991. Auf der 6. trilateralen Wattenmeer-Konferenz im dänischen Esbjerg wird der Beschluss gefasst „…. anzuerkennen, dass das Wattenmeer von der Aufnahme in die Liste der Kultur- und Naturerbegebiete der Welt … profitieren würde und zu diesem Zweck einen gemeinsamen Vorschlag für eine Nominierung des Wattenmeeres zur  Aufnahmen in die Liste der Kultur- und Naturerbegebiete der Welt auszuarbeiten.“

 

1997 wurde auf einer der folgenden Wattenmeer-Konferenzen (in Stade) Folgendes beschlossen: „Es wird angestrebt, das Wattenmeergebiet bzw. Teile davon unter Berücksichtigung der natürlichen und kulturhistorischen Werte des Gebietes als Welterbegebiet zu benennen.“

 

2001 entschied sich Hamburg als erstes beteiligtes Bundesland den Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer (rund um Neuwerk) zum „Welterbe“-Gebiet vorzuschlagen. Die Begründung lautete: „Mit dem Prädikat ‚Welterbe’ würde die Einzigartigkeit des Ökosystems Wattenmeer gewürdigt, der Bekanntheitsgrad gesteigert und die Region zusätzlich beworben werden. Das Wattenmeere wäre in einem Atemzug mit dem Weltnaturerbestätten Yellowstone Nationalpark in den USA, Barriere-Riff an der australischen Ostküste oder Serengeti-Nationalpark in Tansania zu nennen.“

 

2002 beschloss Niedersachsen, den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer als „Welterbe“-Gebiet vorzuschlagen.

 

2005 Dänemark klinkte sich aus der Diskussion aus. Es sei genug damit befasst, ob das dänische Wattenmeer „Nationalpark“ werden sollte, und sah sich deshalb nicht in der Lage, zugleich sich für seine Anerkennung als „Welterbe“ einzusetzen.

 

Im selben Jahr beschlossenen die Niederlande und Deutschland auf einer Ministerkonferenz das Anmeldeverfahren voranzutreiben.

 

Am 21.11.2007 entschied sich Schleswig-Holstein, den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer  als „Welterbe“-Gebiet vorzuschlagen.

 

Am 14.01.2008 zog Hamburger auf Grund der Bedenken der Wirtschaftsbehörde seine Zustimmung zurück, den Hamburger Nationalpark Wattenmeer zusätzlich noch zum „Welterbe“-Gebiet zu erklären. Es werden Bedenken vorgetragen, dass nach einer Ernennung zum „Welterbe“-Gebiet eine Vertiefung der Elbe und nötige Deichbaumaßnahmen nicht mehr so ohne Weiteres möglich sein könnten.

 

Die Enttäuschung über die Hamburger Entscheidung ist groß. Unter Umständen könnte sie dazu führen, dass eine Anerkennung des Wattenmeeres zum „Welterbe“-Gebiet scheitert. Jedoch ist dazu zu bemerken, dass

 

(1)   das Hamburger Wattenmeer nur ein äußerst kleines Gebiet am Rande der Unterelbe ist. Es umfasst grade mal ca. 140 qkm im Vergleich zu ca. 10.000 qkm, der Gesamtfläche des niederländischen und deutschen Wattenmeeres;

(2)   die Unterelbe eines der meist befahrenen Schifffahrtsstraßen ist und dadurch ohnehin einen Sonderstatus im Rahmen des „Welterbes“ eingenommen hätte;

(3)   es andere „Welterbe“-Gebiete gibt, die von ihrer Ausdehnung viel kleiner als das westsfriesische, ostfriesische und nordfriesische Wattenmeer insgesamt sind;

(4)   die Beantragung des west-, ost- und nordfriesischen Wattenmeer als „Welterbe“-Gebiet der erste Schritt in die richtige Richtung ist; sicherlich werden Hamburg und Dänemark folgen, wenn es sich in Zukunft herausstellen, dass ein „Welterbe“-Gebiet die wirtschaftliche Entwicklung der Region nicht untragbar behindert.

 

Insofern ist zu vermuten, dass der Hamburger Rückzieher kaum Einfluss auf die Ernennung großer Teile des Wattenmeeres zum „Welterbe“-Gebiet haben wird.

 

Aus der Sicht des Küstenkanuwanderns wäre die Anerkennung des niederländischen und deutschen Wattenmeeres als „Welterbe“-Gebiet grundsätzlich zu begrüßen. Handelt es sich doch um einen zumindest für die Nordsee einzigartigen amphibischen Naturraum, den es gilt zu schützen vor jenen wirtschaftlichen Interessen, bei denen die Wahrung der Natur höchstens als Randbedingung auftaucht. Zu Bedauern wäre es jedoch, wenn der Status des „Welterbes“ dazu führte, nicht nur die Ausweitung der wenig naturverträglichen Interessen von Fischerei-, Land-, Energie-, Entsorgungs- und Verkehrswirtschaft in Grenzen zu halten, sondern auch die an der Natur des Wattenmeeres interessierten Menschen auf wenige vom Tourismus genutzte Gebiete zurückzudrängen. Das vielfach gelobte deutsche Wattenmeer ist trotz ihrer Nutzung durch die Sportbootschifffahrt so geworden, wie es jetzt ist. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass in der Zukunft insbesondere von den Seglern und Küstenkanuwanderern eine Gefahr für die Natur ausgehen könnte, die nur annähernd mit jenen Umweltschäden vergleichbar ist, die z.B. von Schiffsunglücken, der Überdüngung der Nordsee durch die Landwirtschaft und die Überfischung ausgehen. Wie sollte auch, wenn bei der Untersuchung der Befahrensdichte immer wieder festgestellt wird, dass erstens relativ wenige Sportboote im Wattenmeer unterwegs sind und zweitens sich praktisch alle Sportbootfahrer an die gesetzlichen Regelungen und freiwilligen Vereinbarungen halten!

 

Textzusammenstellung: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Link:

www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/WWF_Chronologie_Welterbe-Debatte.pdf

www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/WWF_Welterbe_Senatseinwaende.pdf