15.06.2008 Miesmuschel in Not (Natur)

 

Im WATTREPORT (hrsg. von der Schutzstation Wattenmeer) wird vom bedenklichen Verschwinden der Miesmuscheln berichtet:

 

„Die Miesmuschel war einzigartig: Kein anderes Tier konnte wie sie auf dem freien Watt siedeln. Keine andere Muschel filtert so eifrig Wasser. Kein anderes Tier bildete so viel Biomasse. Und kein Tier im Wattenmeer wurde in so großer Menge gefischt und gegessen wie sie. Doch die Zeiten ändern sich.

 

Wo früher dichte Miesmuschelbänke auf dem Watt zu finden waren, stößt man heute auf nackten Sand – oder auf Pazifische Austern. Seit 1996 hat die Miesmuschel im schleswig-holsteinischen Wattenmeer keinen guten Nachwuchsjahrgang mehr gehabt. Da die Muschel nur etwa sechs bis acht Jahre alt wird, ist ihr Bestand inzwischen drastisch geschrumpft. Von ehemals bis zu 1.500 Hektar Miesmuschelbänken in Schleswig-Holstein sind derzeit noch 500 Hektar übrig. Die Ursache dieses Wandels sind warme Winter und hungrige Krebse. Nur nach Eiswintern können Miesmuschellarven hinreichend dicke Schalen bilden, ehe die Larven von Garnelen und Strandkrabben über sie herfallen. Sind die Winter warm, wird fast der gesamte Miesmuschelnachwuchs gefressen. Fehlen die Muscheln, haben Strandkrabben weniger Verstecke, haben Seepocken und Blumentierchen weniger Haftgrund und haben viele Seevögel weniger Nischen für die Nahrungssuche.

 

Etwa 40 Tierarten und 20 Großalgen können auf Miesmuschelbänken leben. Fast zeitgleich mit dem Schwinden der Miesmuschel breitet sich die Pazifikauster dramatisch im Wattenmeer aus. Über 100 Millionen Austern siedeln inzwischen in Nordfriesland dort, wo früher Miesmuscheln lebten.

 

Austern können 30 Jahre alt und 300 Gramm schwer werden – kein Platz mehr für Miesmuscheln und wegen ihrer scharfen Schalenkanten auch weniger Platz für Wattwanderer.

 

Hätten Sie gedacht, dass …

 

… das mittelhochdeutsche Wort „mies“ = Moos der Muscheln den Namen gab, weil kleine Algen und ihre Byssusfäden, mit denen sie sich aneinander festhalten, wie Moos auf der Schale wirken?

 

… die Muscheln durch ruckartiges Zuklappen der Schale „niesen“, wenn sie zu viel Schlick eingesaugt haben und ihn nicht ausstrudeln können?

 

… die innere Perlmuttschicht kleine Perlen bilden kann, wenn Sand in die Muschel gelangt ist?

 

Übrigens, neue Probleme für die Natur bringt jetzt die Miesmuschelwirtschaft. Da die Miesmuschel im Wattenmeer derzeit kaum Nachwuchs hat, dürfen die Muschelfirmen seit 2007 trotz Einspruchs der Naturschutzbehörden junge Miesmuscheln aus Großbritannien und Irland als „Saatmuscheln“ in den Nationalpark importieren. Mit den Importen kommen auch andere Arten ins Watt. Außerdem ist in Irland eine zweite Miesmuschelart heimisch, die sich mit unserer Miesmuschel kreuzt. Um die drohende genetische Verfälschung unserer Muschelbestände und die Einschleppung fremder Arten zu bremsen, klagt die Schutzstation Wattenmeer mit Unterstützung des WWF gegen die Genehmigung der Muschelimporte.“

 

Quelle: WATTREPORT – www.schutzstation-wattenmeer.de