20.01.2005 Küstenkanuwandern in Frankreich (Revier/Ausland)

 

Andere Länder, andere Sitten. Zumeist haben wir Deutsche von uns selber die Auffassung, dass wird alles überreglementieren und möglichst vieles mit Verboten belegen müssen. Dass dem nicht immer so ist, dafür liefert uns zumindest das Paddeln entlang der deutschen Küste ein anschauliches Beispiel. Bis auf ein paar Befahrensregelungen aus Naturschutzgründen, die es überall auf der Welt gibt, und ein paar Vorschriften des Seeverkehrsrecht, genießen wir doch derzeit noch relativ viele Freiheiten.

 

In Frankreich sieht es da schon etwas anders aus. Der DKV berichtete hierüber schon einmal im Jahr 2001 in KANU SPORT, Nr. 6/01, S.42f. In der französischen Kanu-Zeitschrift „CANOE KAYAK MAGAZINE“ (CKM), Nr. 184 (Dez.04/Jan.05), findet man hierzu Informationen, dass sich die Bedingungen des Küstenkanuwanderns in Frankreich erneut geändert haben. Dies soll zum Anlass genommen werden, die Entwicklungen des Küstenkanuwanderns in Frankreich aus rechtlicher Sicht nochmals darzustellen:

 

·         Bis 1981 wurden in Frankreich Kajaks als "Strandgeräte" angesehen, mit denen man sich nur  max. 300 m von Land entfernen durfte.

 

·         Ab 1981 dehnte man den Bereich auf 1 Seemeile (1,852 km) aus, wenn das Kajak mindestens 4 m lang und 0,50 m breit war, über Auftriebskörper, eine Sitzluke und Schlepphaken verfügte und der Kanute selber mit einer Spritzdecke, Schwimmweste und Schleppleine ausgerüstet war.

 

·         Nach Protesten seitens der französischen Küstenkanuwandervereinigung CK/mer wurde für den Bereich der Bretagne eine Ausweitung des zulässigen Befahrensbereich auf 5 Seemeilen vorgenommen, sodass Küstenkanuwanderer, wenn sie bestimmte Auflagen erfüllen, Inseln ansteuern dürfen, die max. 10 Seemeilen von der Küste entfernt liegen. Die Auflagen umfassen u.a.:

(1) Gruppengröße mindestens 3 Kajaks,

(2) 1 UKW-Sprechfunkgeräte je 3 Kajaks,

(3) Seenotraketen, Signalspiegel, Nebelhorn, wasserdichte Taschenlampe,

(4) Kompass, Seekarte,

(5) Lenzpumpe und Reservepaddel.

Diese Ausnahmeregelung muss persönlich beantragt werden und gilt jeweils für ein Jahr.

 

·         Seit 2000 erhielten Seekajaks einen neuen Status , sodass es ihren Besitzer erlaubt wurde, sich bis 2 Seemeilen von Land zu entfernen. Mit der Statuserhöhung wurde jedoch eine Auflage verbunden, die damals kein einziges deutsches, englisches, französisches, italienisches, niederländisches, portugiesisches, schwedisches und spanisches Seekajak erfüllen konnte:

(x) Das Seekajak muss im total gefluteten Zustand (inkl. der Bug- und Heck-Stauräume) plus 15 kg zusätzlichem Ballast noch so weit schwimmfähig sein, dass der Sitzluken-Süllrand über dem Wasser liegt.

Nach ersten Berechnungen des CK/mer benötigt man dafür ca. 35 Liter extra untergebrachtes geschlossenzelligen Schaumstoff, nach Berechnungen des DKV kommt man sogar für Seekajaks, die üblicherweise voll ausgerüstet bei ca. 30 kg Gewicht liegen sogar auf ca. 45 Liter Schaumstoffvolumen; denn der Einsatz von Spitzenbeutel ist nicht vorgesehen.

In Anbetracht dessen, dass die üblichen Seekajaks über ca. 170 Liter Gepäckraumvolumen verfügen, würde der Einsatz solcher Mengen Schaumstoff zu einer nicht unwesentlichen Verminderung der Transportfähigkeit von ca. 25% bzw. zu einer Erhöhung des Gesamtbootsvolumens führen. Letzteres ist aus Gründen der Sicherheit (hier: höhere Windanfälligkeit) jedoch nicht vertretbar.

Diese "Volumenregelung" soll für alle Seekajaks gelten und spätestens in drei Jahren in Kraft treten. Erfüllt ein Seekajaks nicht diese Anforderung, wird es als Strandgerät zurückgestuft, mit dem man sich nur 300 m von Land entfernen darf.

 

·         Seit Anfang 2005 sind nun in Frankreich neue Bestimmungen über die amtliche Anerkennung von Seekajaks in Kraft getreten (s. hierzu den ausführlichen Text in der Anlage). Seekajaks werden den Seefahrzeugen der „Kategorie C“ zugeordnet. Folgende Kriterien werden dabei vorgegeben:

(1)   Revier: u.a. Küstennähe, Buchten und Flussmündungen;

(2)   Gewässerbedingungen: max. 6 Bft. Wind und max. 2m Welle;

(3)   Auftrieb: Zur Überprüfung des nötigen Auftriebs wird das Seekajak voll geflutete (inkl. der Stauräume in Bug und Heck) und mit Ausrüstung sowie zusätzlich mit 15 kg Eisen beladen. Unter solchen Bedingungen muss sichergestellt sein, dass die Spitzen des Seekajak oder der höchste Punkte des Süllrandes das Wasser noch mit 2 cm überragen!

Sollten unter Ausrüstung auch z.B. Kleidersäcke und das Übernachtungsgepäck (inkl. Iso-Matte) zählen, dürften wohl auf diese Weise zusätzliche Auftriebsreserven geschaffen worden sein. Außerdem braucht ab sofort nicht mehr der gesamte Süllrand aus dem Wasser zu ragen. Es genügt vielmehr, wenn der höchste Punkt des Süllrandes bzw. die Spitzen Kajaks mindestens 2 cm aus dem Wasser schauen. Ob auf diese Weise das Ziel, „das Ausmaß der Ausschäumung in erheblicher Weise zu vermindern“, wirklich erreicht wurde, kann an dieser Stelle hier mangels Überprüfung nicht bestätigt werden.

(4)   Längen/Breiten-Verhältnisse: Dieser Punkt wurde gestrichen.

(5)   Befahrungszone: Es darf nur zur Tageszeit mit dem Seekajak entlang der Küste gepaddelt werden. Ausgehend von einem festen Standort an Land gilt dabei Folgendes:

(a)              ein einzelner Kanute (Solo) darf sich nur maximale 2 Seemeilen von Land entfernen;

(b)              eine Gruppe von Kanuten (míndestens zwei) darf sich nur maximal 5 Seemeilen von Land entfernen.

(6)   Ausrüstungsanforderungen bei Touren bis zu 2 Seemeilen:

Die folgende Ausrüstung wird als notwendig erachtet:

(a)              Rettungsweste für jeden Kanuten;

(b)              Anlegeseil mit Karabiner (Länge: mind. Kajaklänge);

(c)              Reservepaddel;

(d)              Spritzdecke (Ausnahme: „Sit-on-Top“-Kajaks);

(e)              z.B. Lenzpumpe (Ausnahme: „selbstlenzendes Kajak“)

(f)                Befestigungsmöglichkeit für Schleppleine;

(g)              Rettungsleine („Life-line“; oder: Rettungshalteleine ??);

(h)              z.B. Taschenlampe.

(7)   Ausrüstungsanforderungen bei Touren bis zu 5 Seemeilen:

Zusätzlich zu (6) ist noch die folgende Ausrüstung mitzuführen:

(a)              wasserdichte elektrische Lampe;

(b)              Kompass

(c)              3 rote Handfeuer (hier: Seenotsignalmittel ??)

(d)              Nebelhorn

(e)              Seekarte der befahrenen Meereszone;

(f)                Signalspiegel

(g)              z.B. Paddel-Float oder Rolling-Float (Ausnahme: „Sit-on-Top“-Kajaks).

 

Der DKV hat kein Verständnis für solch eine "Überregulierung" des Küstenkanuwanderns, wie sie unter Punkt (3) (s. Stand: 1.1.05) formuliert werden. Die von DKV propagierten Sicherheitsempfehlungen, inkl. der mehrfachen Abschottung der Seekajaks, haben sich in Deutschland bestens bewährt. Die Zahl tödlicher Unfälle ist vernachlässigbar klein und wäre insbesondere durch die Einführung von geschlossenzelligem Schaumstoff nicht vermeidbar gewesen. Der DKV greift das EU-Rechtsprinzip auf, dass für die Sicherheit der Produkte das einzelne EU-Land zuständig ist, in dem das Produkt hergestellt wurde, und dass die anderen EU-Länder die Produkt dieser Länder als ausreichend sicher anzuerkennen haben, wenn das Produkt vom Ursprungsland als sicher erklärt wird. Der Deutsche Kanu-Verband e.V., Mitglied der Internationalen Canoe Federation (ICF), ist der offiziell anerkannte Vertreter der deutschen Kanuten und ist verantwortlich für die Organisation und Regulierung des Kanusports in Deutschland. Er hat daher einen Mindestanforderungskatalog für die "Seetüchtigkeit" von Kanuten und Kajak erstellt. Erfüllen die einzelnen Kanuten inkl. ihrer Kajaks diese Anforderungen, erhält jeder einzelne von ihnen vom DKV eine für 3 Jahre gültige Registrierungsbescheinigung. Im Falle eines Konfliktes mit der französischen Wasserschutzpolizei sollte diese Registrierungsbescheinigung vorgelegt und darauf bestanden werden, als erfahrener deutscher Küstenkanuwanderin bzw. Küstenkanuwanderer nicht gegenüber den erfahrenen französischen Seekajakfahrern diskriminiert, sondern gleichgestellt zu werden. Der DKV rät jedoch den einzelnen Küstenkanuwanderinnen und –wanderer dazu, ihre Zusatzausrüstung entsprechend den französischen Bestimmungen (s. Punkt (6) u. (7)) anzupassen.

 

Alle Küstenkanuwanderinnen und -wanderer, die demnächst an der Küste Frankreichs paddeln möchten und meinen so erfahren zu sein, dass sie nicht schlechter gestellt werden möchten als die französischen Kameraden, mögen bei der Geschäftsstelle des DKV (Postfach 100315, 47003 Duisburg) das Antragsformular zur Registrierung abrufen und dieses ausgefüllt bei seinem DKV-Verein bzw. - bei nicht Vereinsmitgliedern - bei einem DKV-Verein ihren Vertrauens zur Überprüfung einreichen. Nach positivem Abschluss des Überprüfungsverfahrens erhalten sie von der DKV-Geschäftsstelle die gewünschte Registrierungsbescheinigung.

 

Text: U.Beier

 

Anlage: „Amtliche Anerkennung als Seekajak“ (Frankreich)

„Im Amtlichen Bulletin (Publiées au Bulletin) vom 24. Oktober wurden die neuen Bestimmungen über die amtliche Anerkennung der Seekajaks veröffentlicht, die am 1. Januar 2005 in Kraft treten.

Nachdem viel Tinte geflossen ist, wird die 6. Kategorie endlich begraben, so wie übrigens auch alle anderen. Die Kategorien für die Einordnung der Seefahrzeuge bilden die Kategorie C (Seebefahrung in Küstennähe in Buchten, Flussmündungen, Seen und Flüssen, mit der Fähigkeit, bis zu 6 Windstärken und Wellen bis zu 2 Metern standhalten zu  können) und D (Schiffahrt in geschützten Gewässern, kleinen Seen, Flüssen und Kanälen, bis zu 4 Windstärken und Wellen bis zu 50 cm).

Das (Ministerium für) Seeschifffahrt hat die Vorschläge berücksichtigt, die ihm im Anschluss an im Jahre 2003 durchgeführte Erprobungen vorgelegt wurden, die in Anwesenheit von Vertretern des Amtes für Sportschifffahrt im Ministerium für Seeschifffahrt, der Zentrale für Sicherheit der Seeschiffe von St. Malo, des Verbandes der Nautischen Industrie, der FFCK (Französischer Verband für Kanu und Kajak, entspricht etwa unserem DKV), des Nationalen Seekajakzentrums von Dinard, der Meerespaddler, des Seekajakclubs von Brest, eines CTR der Bretagne, der Hersteller ( Dag, JFK mer, Kerk Diffusion, Mack, Plasmor, Polyform und Rotomod ) stattfanden.

Diese bestanden darin, das Ausmaß der Ausschäumung in erheblicher Weise zu vermindern, um dadurch das Fassungsvermögen der Stauräume zu verbessern. Die Ausschäumung des Wasserfahrzeuges muß es ihm jetzt erlauben, daß die Spitzen des Bootes oder des höchsten Punktes des Süllrands das Wasser noch mit  2 cm  überragen, wenn es voll geflutet und mit 15 Kilo Eisen und der Ausrüstung beladen ist; damit werden die Kajaks nicht mehr benachteiligt, die mehr oder weniger angepaßt sind.

Die bisher in der 6. Kategorie eingetragenen Kajaks benötigen keine erneute Zulassung, sofern ihre Eigentümer nicht beabsichtigen, das Volumen ihrer Ausschäumung zu vermindern. Andererseits müssen die noch nicht anerkannten Kajaks eine amtliche Zulassung bis zum 31. Dez. 2006, dem Ende der Ausnahmeregelung, erwirken.

Ausschüsse für das Bestätigungsverfahren werden in gleicher Weise wie vorher für die Einzelzulassungen gebildet.

Letzte Neuigkeiten: Das Verhältnis von Länge zu Breite, das bisher gewisse Wasserfahrzeuge ausschloss, wird nicht mehr berücksichtigt, sodass auch  Mehrrumpfboote, wie die Pirogen mit Auslegern von weniger als 1,50 m, zugelassen werden können.

Hinsichtlich der Seebefahrung betreffen die Sonderregelungen für Seekajaks weiterhin eine begrenzte Befahrungszone, die von einem Sicherheitsstandort ausgeht. Es handelt sich um einen Fahrbereich  (ausschließlich zur Tageszeit) von 2 Meilen, wo als Einzelner gefahren werden darf; hieran anschliessend erweitert sich der Fahrbereich auf 5 Meilen, sofern mindestens zu Zweien gefahren und die geeignete Ausrüstung mitgeführt wird, deren Beschreibung folgt

Notwendige Ausrüstung zur Seebefahrung  bis zu 2 Meilen:

Zusätzlich notwendige Ausrüstung für die Seebefahrung bis zu 5 Meilen:

Quelle: CANOE KAYAK MAGAZINE (CKM), Nr. 184 – Dez. 2004 / Januar 2005, S.9

Übersetzung: Reinhard Hollubek

Anmerkung: Ich danke Hermann Harbisch für den Hinweis auf diese frz. Bestimmungen.