15.07.05 Im Wirbel des Mahlstroms (Lofoten/Norwegen) (Revier/Ausland)

 

… ein unglaublicher Seenotfall am Rande des Nordmeeres

 

Es war Anfang Juli letzten Jahres. Es blies 5 Tage lang aus westlicher Richtung ein fürchterlicher Sturm. Mein amerikanischer Freund Edgar und ich lagen mit unseren Seekajaks, einem „Sirius“ und einem alten, nur einfach abgeschotteten „Habel“, in der Bucht der unbewohnten Felseninsel Tjeldholmen und konnten nicht weg, obwohl unser Proviant seit einem Tag nahezu aufgebraucht war. Vor einer Woche hatten wir diese im Süden der Lofoten liegende Insel von Væröy kommend angesteuert, um für ein paar Tage von einem nur 20 m hohen Felshügel aus den Wirbel des Mahlstroms (auch Moskenestraumen genannt) zu beobachten.

 

Der Mahlstrom ist ein Gezeitenstrom ganz besonderer, einmaliger Art. Er fließt vom Vestfjord kommend zwischen den beiden großen Lofoteninseln Moskenesöya und Væröy hindurch, vorbei an den Inseln Herjeskallen, Svarvskallen, Högholmen, Tjeldholmen und Iflesa ins Nordmeer. Durch die 4 km breite und nur 40 bis 60 m tiefe Meeresenge ergießen sich beim Gezeitenwechsel die Wassermassen aus dem bis zu 900 m tiefen Vestfjord ins Nordmeer, wo der Höhenunterschied des Wasserspiegels zwischen Fjord und Meer bis zu 5 Meter betragen kann. Wegen der eigenartigen Lage dieser hintereinander versetzten Inseln mit ihren Unterwasserfelsbänken gerät die Wasserströmung zwischen Moskenesöya und Væröy, und zwar insbesondere, wenn ein starker Südwester schräg gegen den ablaufenden Ebbstrom bläst, derart in Verwirbelung, dass ein Wasserstrudel von über einer Seemeile Durchmesser entstehen kann, der nahezu alles in die Tiefe zieht, was sich ihm wagt zu nähern. Nur bei Stillwasser verschwindet er, als ob nichts gewesen wäre.

 

Wirbel voraus!

 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich von Tjeldlholmen aus das erste Mal den Wirbel des Mahlstroms zu sehen bekam. Vor mir lag das unendliche Nordmeer, dessen Wasser tintenartig gefärbt war. So weit ich sehen konnte, dehnten sich rechts und links Ketten schauerlich schwarz aufragender Felsklippen aus, deren düsteres Aussehen noch durch die hoch dagegen aufspritzende weißliche, geisterhafte Gischt der Brandung betont wurde. Die Oberfläche des Meeres war schon über eine halbe Stunde lang ruhig und glatt. Da traten hier und dort breite Schaumstreifen auf. Diese Streifen weiteten sich schließlich auf eine größere Fläche aus, vereinigten sich, nahmen unter sich eine kreisende Bewegung an und schienen so den Kern eines großen Strudels zu bilden. Plötzlich – ganz plötzlich – entstand er nun als deutlich zu erkennender abgegrenzter Kreis mit einem riesigen Durchmesser: der Mahlstrom.

 

Der Rand des Wirbels wurde von einem breiten Gürtel schimmernder Gischt gebildet, aber kein Teilchen davon spritzte in den grausigen Trichter, dessen Inneres, soweit das Auge in die Tiefe vordringen konnte, eine glatte, glänzende und doch kohlschwarze Wasserwand darstellte, die etwa 45° gegen den Horizont geneigt war und sich in Schwindel erregendem Tempo unaufhörlich in sich selbst im Kreis drehte. Aus ihm drang, wie um uns zu erschrecken, die halb kreischende, halb brüllende Stimme des Trichters, wie sie nicht einmal ein Jumbo-Jet beim Start gen Himmel schickt.

 

Wenn der Wirbel am heftigsten tobt und ein Sturm ihn noch verstärkt, ist es gefährlich, sich ihm bis auf ½ Seemeile zu nähern. Fischer, die wir einen Tag vor unserem Start zur Insel Tjeldholmen in einer Kneipe in Rössnesvåg (Væröy) getroffen hatten, erzählten uns, dass kleinere Schiffe schon hineingezogen wurden, weil sie nicht auf der Hut waren. Es geschah auch einmal, dass ein Bär dem Strom zu nahe kam und von ihm ergriffen wurde. Man kann sein Heulen und Brüllen nicht beschreiben, während er vergeblich kämpfte, sich aus dem Wirbel zu befreien. Große Mengen Fichten und Kiefernstämme, die verschluckt worden waren, kamen zerbrochen und so zerfetzt wieder an die Oberfläche, als seien Stacheln aus ihnen gewachsen.

 

Seit einer Woche nun konnten wir den Mahlstrom beobachten, zwei Tage lang freiwillig, die restliche Zeit gezwungenermaßen; denn seitdem brauste ein Sturm über unsere Felseninsel, der uns die Lust an unserer Expedition ins „Reich“ des Mahlstroms gänzlich nahm.

 

Flaute: carpe diem!

 

Am Morgen des 10. Juli schien sich wohl das Sturmtief verzogen zu haben. Radio Narvik versprach für ein paar Stunden bis zur Ankunft eines sich annähernden Trogs eine Wetterverbesserung, die uns das Rückseitenwetter bringen sollte. Wir packten eilig unsere Sachen zusammen, tranken ex eine Büchse „Isostar“, verschlangen hastig noch einen Powerriegel, zogen unsere Trockenanzüge an, legten die Rettungswesten darüber, entsicherten die „Nicosignale“ und ließen unsere Seekajaks etwa ½ Stunde vor Hochwasser in die maximal 13° C kalten Fluten, um den Rand des Mahlstroms bei Stillwasser zu passieren. Bei frischem Wind legten wir ab und schruppten so schnell wir konnten Richtung Lofotodden, der Südspitze von Moskenesöya.

 

Gänzlich unvermutet briste jedoch der Wind aus Nord auf und nahm wieder an Stärke zu. Wir kämpften gegen die immer höher werdende See an. Edgar kam in seinem „Habel“ kaum noch voran. Der Wind drückte das voluminöse Boot immer wieder aus dem Kurs. Ja, wenn man keine Fahrt macht, nützt auch das beste Steuer nichts! Ich wollte schon vorschlagen umzukehren, als mir ein Blick achteraus zeigte, dass der ganze Horizont von einer eigenartig kupferfarbenen Wolkenbank bedeckt war, die sich mit beängstigender Geschwindigkeit näherte. Das untere Ende der immer dunkler werdenden Wolkenformation wurde von einem mächtigen Böenkragen begrenzt, von dem aus trombenförmig Wolkenfetzen gen Meer „züngelten“.

 

Plötzlich wurde es dunkel, als ob jemand das Licht ausgeschaltet hat. Der Wind, der uns aufgehalten hatte, flaute ab. Bei gänzlicher Windstille machten wir trotz Kabbelwasser wieder manchen verlorenen Meter wett. Dieser Zustand dauerte aber nicht so lange, dass wir hätten viel überlegen können. In weniger als einer Minute brach ein Sturm aus Süd-West über uns herein, in weniger als zwei Minuten wurde der Himmel gänzlich schwarz, und dadurch sowie durch die fliegende Gischt wurde auf einmal die Sicht so schlecht, dass ich den dicht neben mir paddelnden Edgar nicht mehr sehen konnte.

 

Es grenzte an Verrücktheit, den Orkan beschreiben zu wollen, der nun über uns tobte. Schon bei der ersten Böe wurde mir das Paddel aus den Händen gerissen. Bei der zweiten Böe verlor ich meinen Südwester und meine Brille. Der dritten Böe folgte ein derartiger Kaventsmann von Welle, dass ich unter dem Sturzwasser begraben wurde. Ich kam mir vor, als ob ich in den Schleudergang einer Waschmaschine geraten sei, mit dem Unterschied, dass diese Wassermassen nicht abflossen, sondern auf mich stürzten und unbändig an mir herumzerrten. Meine Spritzdecke hielt trotz eines 10 mm dicken Süllrandgummis dieser Wasserwucht keine Sekunde stand. Mit einem Knall blies sich – ohne dass ich an der Reißleine gezogen hatte – meine halbautomatische Rettungsweste auf.

 

Wie Edgar diesen zerstörenden Schlag meisterte, kann ich nicht sagen. Was mich angeht, so warf ich mich flach auf mein Vorderdeck und hielt mich mit beiden Armen an den Rettungshalteleinen fest. Meine Beine grätschte ich mit meiner ganzen Kraft weit aus, um ja nicht aus der offenen, randvoll mit Wasser gefüllten Sitzluke zu fallen. Nur dann, wenn ich allzu lange kopfüber im Wasser trieb, löste ich eine Hand von der Rettungshalteleine und setzte – so wie es mir Freya, die „Lady of the Heaven’s Hell“, einst gezeigt hatte – zur Handrolle an.

 

Noch ein paar Mal wurde ich von Brechern unter Wasser gedrückt. Ich hielt den Atem an und duckte und klammerte und drückte mich stets von neuem auf, um und an meinen „Sirius“.  Ich wurde immer benommener, konnte kaum noch zwischen Über-Wasser und Unter-Wasser unterscheiden.

 

Als die See für Momente ruhiger war, versuchte ich, die Betäubung zu überwinden, die mich überfallen hatte, und meine Sinne so weit zusammenzunehmen, dass ich überlegen konnte, was zu tun sei. Dass ich schon längst nicht mehr in meinem „Marlepp“ (= „Liebling des Meeres“, so heißt mein „Sirius“) saß, darüber bestand kein Zweifel; denn ich hing, mit meinen Armen fest verkrallt am Bug in den Rettungshalteleinen. Plötzlich sah ich das rote Heck von Edgars „Habel“ aus dem mit Schaum durchsetzten Wasser herausragen. Das unabgeschottete Vorschiff war wohl total geflutet und nicht mehr zu sehen. Aber wo war Edgar?

 

Mein Herz sprang vor Freude: Edgar war noch am Leben. Er trieb neben seinem „Waikiki“ (= „Schäumende Welle“, so taufte er seinen „Habel“) und hielt sich – wohl in Ermanglung von Rettungshalteleinen – am Süllrand fest. Aber schon im nächsten Augenblick wurde aus der Freude Entsetzen; denn ich hörte ihn schreien: Der …

 

…. Maaaaahlstrooom!!

 

Keiner kann sich vorstellen, was ich in diesem Augenblick empfand. Ich zitterte von Kopf bis Fuß wie unter dem heftigsten Anfall von Schüttelfrost. Bei dem Wind, der uns trieb, war unser Bestimmungsort der Strudel des Mahlstroms, und nichts konnte uns davor retten!

 

Um diese Zeit hatte sich die erste Wucht des Orkans ausgetobt – oder vielleicht spürten wir ihn nicht mehr so heftig, weil der Sturm uns vor sich herjagte. Auf jeden Fall erhoben sich nun die Wellen, die der Druck des Windes bis dahin flach gepresst hatte, zu wahren Bergen. Eine eigenartige Verwandlung war auch am Himmel eingetreten. Rundum nach allen Richtungen war es kohlrabenschwarz, nur fast im Zenit zerbarsten urplötzlich die Wolken zu einem kreisförmigen Fleck klaren Himmels und daraus hervor erstrahlte mit einem Mal die Sonne in einem Glanz, wie ich ihn noch nie erlebt hatte.

 

Da packte mich eine riesige Welle. Sie trug mich in die Höhe – immer höher -, als sollte eine Himmelfahrt daraus werden. Niemals hätte ich geglaubt, dass sich eine Welle so hoch türmen kann. … und dann ging es mit einem Schwung und Rutsch und Sturz hinunter, dass mir übel und schwindlig wurde. Während ich oben war, hatte ich schnell in die Runde geschaut – und dieser eine Blick genügte vollauf. Ich hatte den Rand des Wirbels erreicht. Der Trichter des Mahlstroms war etwa noch eine ¼ Seemeile entfernt. Unwillkürlich schloss ich vor Entsetzen die Augen. Kurz darauf spürte ich, dass der Seegang abrupt aufgehört hatte und ich in einer Wolke von Schaum dahin glitt. Mein „Sirius“ machte eine scharfe halbe Wende nach backbord und surfte dann mit mir in die neue Richtung davon.

 

Zugleich wurde das Brüllen der See von einer Art schrillen Kreischens vollständig überlagert. Wir waren nun im Schaumgürtel, der den Strudel stets umgibt. Edgar trieb dicht neben mir – immer noch an seiner roten „Boje“ hängend. Ich vermutete, dass es uns im nächsten Augenblick in den Trichter ziehen würde, von dem wir wegen der rasenden Geschwindigkeit nur undeutlich etwas sehen konnten. Mein Seekajak schien kaum ins Wasser einzutauchen, sondern wie ein Korken über die Wasseroberfläche zu gleiten, mit mir im Schlepp. Steuerbord war dem Strudel zugewandt, backbords erhoben sich die Wassermassen, aus denen wir kamen und die wie ein gewaltiger, sich krümmender Wall zwischen uns und dem Horizont standen.

 

Im Windschatten des Wirbels

 

Es mag sonderbar klingen, aber nun, da uns der Wirbel fast schon im Rachen hatte, war ich gefasster als vorher. Entschlossen, nichts mehr zu erhoffen, war ich auch den Schreck ganz los, der mich zuvor entmutigt hatte. Noch etwas kam hinzu, das mir die Selbstbeherrschung zurück gewinnen half, und zwar das Aufhören des Windes, der uns in unserer derzeitigen Lage nicht mehr erreichen konnte; denn der Schaumgürtel lag beträchtlich tiefer als die Meeresoberfläche, und die hing ja wie ein hoher, dunkler Bergrücken hoch über uns. Wer nie bei Sturm auf See war, kann sich keine Vorstellung von der Geistesverwirrung machen, die die Vereinigung von übermächtigem Winddruck und fliegendem Wasser stiftet. Ohne Spraycap macht das taub, raubt einem den Atem und alle Kraft des Handelns und Denkens. Wir waren nun solche Quälerei nahezu los – genau wie zum Tode verurteilten Verbrechern kleine Annehmlichkeiten zugestanden werden.

 

Es ist unmöglich zu sagen, wie oft wir im Schaumgürtel die Runde machten. Wir rasten vielleicht eine Stunde lang rundherum, eher fliegend als surfend. Allmählich näherten wir uns mehr und mehr der Mitte des Gürtels und damit dem fürchterlichen Rand des eigentlichen Trichters. Während dieser ganzen Zeit hatte ich die Rettungshalteleine nicht losgelassen. Den Versuch, aufs Vorderdeck meines „Sirius“ zu rutschen und damit etwas aus dem kalten Wassers zu kommen, hatte ich schon längst aufgegeben. Es wollte einfach nicht klappen und machte eigentlich auch keinen Sinn; denn mein Trockenanzug schützte mich ja vor beidem: Wasser und Wind. Ich konnte froh sein, wenigstens an meinem „Marlepp“ zu hängen.

 

Edgar hatte übrigens in der Windstille – als unsere beiden Seekajaks mal dicht nebeneinander her trieben – die Chance genutzt, um zu mir herüber zu kommen. Er hing nun am Heck des „Sirius“ und klammerte an einem Steuerseil der Steueranlage.

 

Als wir uns dem Trichterrand näherten, hangelte sich Edgar vor Richtung Bug zu mir. In seiner Todesangst versuchte er, meine Hände wegzuzerren, da der Bugbereich nicht groß genug war, uns beiden Sicherheit zu geben. Nichts hat mir je so weh getan wie diese Tat – obwohl ich wusste, das er irr’ war, als er sie beging – vor Angst ein rasender Wahnsinniger. Ich dachte aber nicht daran, deswegen mit ihm zu kämpfen. Macht es doch keinen Unterschied, ob ich nun am Bug oder am Heck meines „Sirius“ in den Tod gesogen werde. Ich überließ daher kampflos Edgar den Bug. Vorsichtig zog ich mich an den Rettungshalteleinen zum Süllrand zurück, aber nicht weiter; denn das Heck mit seiner kantigen Steueranlage schien mir doch etwas zu unsicher zu sein.

 

Kopfüber in den Abgrund

 

Kaum hatte ich mich in meiner neuen Lage gesichert, als unser Seekajak einen heftigen Ruck erhielt und wir kopfüber in den Abgrund hinunter glitten. Ich klammerte mich instinktiv noch fester an den Süllrand und schloss die Augen. Ich erwartete, sofort zerschmettert zu werden, und wunderte mich, dass ich nicht schon im Todeskampf unter Wasser trieb. Sekunde um Sekunde verging. Ich lebte immer noch. Das Fallgefühl hatte aufgehört, und die Bewegung des Seekajaks schien nicht viel anders zu sein als vorher im Schaumgürtel. Ich fasste Mut und tat wieder einen Blick auf die Umgebung.

 

Nie werde ich die gleichzeitigen Empfindungen von Schreck, Entsetzen und Bewunderung vergessen, während ich mich umsah. Der „Sirius“ hing wie durch einen Zauber auf der Innenfläche des Trichters, der einen ungeheuren Durchmesser hatte und dessen Tiefe nicht auszumessen war. Seine absolut glatte Wand hätte man für Ebenholz halten können, wäre nicht die bestürzende Schnelligkeit gewesen, mit der sie sich drehte, und der schimmernde, geisterhafte Schein, den sie – von der Sonne ausgeleuchtet – aussandte. Die Sonnenstrahlen schienen – einen vollkommenen Regenbogenkreis hinterlassend – in den Grund des tiefen Schlunds vorzudringen. Aber trotzdem konnte ich nichts Deutliches ausmachen Der dichte Dunst dort unten verhüllte alles. Das Geschrill beschreiben zu wollen, das aus diesem Dunst zu mir aufstieg, darf ich mich nicht unterfangen.

 

Unser erstes Abgleiten vom Schaumgürtel in den Abgrund selbst hatte uns ein beträchtliches Stück nach unten gebracht, aber der weitere Abstieg stand dazu in keinem Verhältnis. Wir kreisten und kreisten, aber nicht mehr in gleichmäßiger Bewegung, sondern in Schwindel erregenden Schwüngen und Rucken. Unser Vorrücken erschien unaufhaltsam.

 

Nicht alleine unterwegs

 

Während ich den Blick über die weite Wüste flüssigen Ebenholzes gehen ließ, die uns trug, sah ich, dass unsere Seekajaks nicht die einzigen Gegenstände im Schlund des Strudels waren. Ober- und unterhalb von uns kreisten große Mengen Baumstämme nebst mancherlei kleineren Dingen, wie etwa Teile von Hausrat, zerbrochenen Kisten, Fässern und Latten. Ich fing an, die vielerlei Gegenstände mit eigentümlichem Interesse zu beobachten. Wahrscheinlich musste ich mich in einer Art Delirium befunden haben; denn ich suchte sogar ein Vergnügen darin, Vermutungen über die relative Geschwindigkeit ihres ungleichen Abgleitens gegen den Dunstgrund anzustellen. „Die Fichte da“, hörte ich mich einmal sagen, „ist sicherlich das Nächste, das den grässlichen Sprung tut und verschwindet.“ – Und dann war ich enttäuscht, sehen zu müssen, dass das Wrack eines alten Ruderbootes sie überholte und vor ihr hinunterfuhr. Nachdem ich etliche Male auf solche Art geraten und immer daneben getroffen hatte, brachte mich diese Tatsache auf eine Gedankenkette, die meine Glieder von neuem erzittern und mein Herz heftiger schlagen ließ.

 

Hoffnungsschimmer ahoi!

 

Es war nicht etwa ein neuer Schrecken aus dem Dunstkreis des Strudels, was mich so packte, sondern das Dämmern einer viel aufregenderen Hoffnung. Diese Hoffnung erhob sich teils aus meiner Erinnerung, teils aus der gegenwärtigen Beobachtung. Ich rief mir die große Mannigfaltigkeit der schwimmfähigen Gegenstände ins Gedächtnis, die am Küstenstreifen von Væröy, Mosken und insbesondere unserer kleinen Felsinsel Tjeldholmen lagen, nachdem sie vom Mahlstrom verschlungen und wieder ausgeworfen worden waren. Weitaus die größere Zahl dieser Dinge war aufs Ungewöhnlichste zerschmettert, als seien sie mit Splittern gespickt. Aber dann fiel mir deutlich auf, dass es auch einige Treibselstücke gab, die gar nicht angeschlagen waren. Es handelte sich dabei meist um Fässer, Tonnen, Kanister und … Markierungsbojen von Fischernetzen. Lag dies etwa daran, dass diese Gegenstände aus irgendeinem Grund so langsam nach unten in die Tiefe des Trichters gelangt waren, dass sie bei Tidenwechsel noch nicht den Grund des Wirbels erreicht hatten? Nun fiel mir auch wieder Edgar’s „Habel“ auf, der vor einiger Zeit noch halb abgesoffen einer Boje gleich unter uns im Strudel seine Runden zog und nunmehr über uns war und sich nur wenig aus seiner damaligen Position bewegt zu haben schien.

 

Es dauerte nicht lang, bis ich begriff, dass ich eine Chance hatte. Aber wie sollte ich zum über mir treibenden „Habel“ gelangen? War es Schreck oder Freude, ich weiß es nicht mehr. Als sich Edgar’s Seekajak mal wieder mit uns im gleichen Sektor des Strudels befand, sah ich sie, die knapp 15 m lange Schleppleine, die Edgar am Bug seine „Habels“ immer befestigt hatte. Es ist unglaublich, aber genau diese Leine trieb im Wasser an uns vorbei. Am Starttag hatte ich mich noch über diese aufgeschossene und am Bug des „Habels“ nur notdürftig befestigte Schleppleine mokiert: „Edgar, was soll denn das da“, ich zeigte dabei mit den Fingern auf dieses Seilgewusel, welches kaum Platz für die Seekarte ließ, „der erste Brecher reißt dir das doch von Deck!“ Nun war diese Leine mein „rettender Strohhalm“, die Chance! Mit Zeichen machte ich Edgar darauf aufmerksam; denn das Kreischen des Strudels war zu laut, um mit Rufen bis zu ihm durchzudringen. Ich deutete auf das langsam an uns vorbei treibende, hin und her schwojende Seil und seinen „Habel“ hin, der wegen des fehlenden Frontschotts wie eine Boje im Wasser lag. Ich tat, was ich konnte, ihm verständlich zu machen, was ich vorhatte. Schließlich glaubte ich, er habe meinen Plan begriffen, aber ob dies der Fall war oder nicht, er schüttelte müde den Kopf und weigerte sich, seine Stellung am Bug-Toggle des „Sirius“ aufzugeben. Die Notlage erlaubte jedoch keine weitere Verzögerung mehr. Ich überließ ihn seinem Schicksal, griff nach der Schleppleine und ließ meinen „Sirius“ los. Da mich der Trockenanzug und die aufgeblasene Rettungsweste daran hinderten, mich schwimmend dem über mir treibenden „Habel“ zu nähern, hangelte ich mich an der Schleppleine zu Edgar’s Seekajak hinauf. Vielleicht zog ich es auch zu mir langsam hinunter. Ich weiß es nicht mehr so genau.

 

Das Ergebnis entsprach genau dem, was ich erhofft hatte. Es mochte ungefähr eine Stunde vergangen sein, seit ich den „Sirius“ verlassen hatte, als dieser – inzwischen war er tief und tiefer hinuntergetrudelt – fünf oder sechs rasende Umläufe in immer schnellerer Folge machte und samt meines Freundes für alle Zeit und Ewigkeit, Bug voraus, ins Chaos des nebligen Abgrunds stürzte und im Dunst verschwand.

 

Der „Habel“ dagegen, an dessen Süllrand ich mich festhielt, ohne jedoch die Schleppleine aus der Hand zu lassen, sank wenig tiefer als bis zur ungefähren Hälfte der Strecke vom vermutlichen Trichtergrund bis zu der Stelle, an der ich Edgar verließ.

 

Stillwasser

 

Mit einem Mal trat bei der charakteristischen Eigenart des Strudels eine wichtige – mich nochmals zum Zittern bringende – Wandlung ein. Der Abfallwinkel der Seiten des riesigen Trichters wurde von Augenblick zu Augenblick weniger steil, die Umdrehungen des Strudels verloren an Tempo. Die Dunstglocke wurde durchsichtiger. Der Regenbogen verlor an Konturen und verschwand allmählich. Der Trichtergrund schien langsam zu mir aufzusteigen. Das Kreischen des Strudels ebbte ab und verstummte schließlich ganz.

 

Der Himmel war klar. Der Wind hatte sich gelegt, als ich mich wieder auf der Meeresoberfläche befand. Die Sicht war frei zur Küste. Es war die Zeit des Stillwassers, aber die See wogte in Nachwirkungen des Orkans noch in haushohen Wellen. Die Strömung ergriff mich und trieb mich die Küste entlang zu den Fanggründen der Fischer von Væröy.

 

Gerettet!

 

Vor mir inmitten des Seeganges meinte ich plötzlich – für den Bruchteil einer Sekunde – einen Kutter gesehen zu haben. Reflexartig griff ich zu meinem „Nicosignal“ und schoss das Magazin leer. Bald darauf hörte ich zunächst ein Stampfen und Planschen, dann sah ich es deutlich vor mir, ein großes, altes Ruderboot, das behände einen Brecher hinunter surfte genau auf mich zu.

 

Von den Strapazen war ich gänzlich ausgepowert und in Erinnerung an die Schrecknisse unfähig, ein Wort herauszubringen. Die mich an Bord zogen, gehörten zu jenen, mit denen Edgar und ich noch eine Woche vorher gemütlich in einer Kneipe von Rössnesvåg gesessen und geschnackt hatten – aber sie erkannten mich nicht. Mein Haar, schwarz noch am Tag zuvor, war ganz weiß geworden und ich selbst nicht um Jahre, sondern um Jahrzehnte gealtert. Als ich etwas zur Ruhe kam, erzählte ich ihnen dann meine Geschichte – sie glaubten sie nicht. Ich habe sie nun für Euch nieder geschrieben – und darf kaum erwarten, dass Ihr mir mehr vertraut als diese braven Fischersleute von den Lofoten.

 

Text: Edgar Allen Poe & Udo Beier

 

Anmerkung: Wer dieses fantastische Erlebnis nachlesen möchte, wie es E.A.Poe auf 21 Seiten beschrieben hat, der möge sich das „Reclam“-Heft, Nr. 7627, besorgen und die S.3-24, aufschlagen.

Wiederabdruck aus: Kanu Sport, Heft 24/1984, S.547-549.