13.04.2006 Kurs Kap Hoorn (Südamerika) (Revier/Ausland)

 

Im folgenden berichten die beiden Mitglieder des „Alster-Canoe-Club“ Petra Basch und Christoph Basch (geb. Beyer) in dem Beitrag:

 

„Auf den Spuren der Feuerlandindianer.

Eine Kajakexpedition ans Ende der Welt“

 

über ihre rund 5 Monate dauernde und ca. 3.000 km lange Tour von Puerto Montt bis zum Kap Hoorn und zurück bis nach Ushuaia:

 

Unsere letzte große Reise im Kajak rund Skandinavien lag nun schon vier lange Jahre zurück und langsam wurden wir wieder unruhig. Es zog uns wieder in die Ferne. Warum nach dem Nordkap nicht ein „Südkap“ erpaddeln? Nur ein Urlaubssemester an der Uni und wir hätten bis zu 8 Monate Zeit.

 

Im Frühjahr 1992 stand es dann fest, wir wollten in die Kap Hoorn Region. Amerika wurde genau 500 Jahre zuvor von Christoph Kolumbus entdeckt und auch an der Westküste Patagoniens begann der Niedergang der Ureinwohner, der Feuerlandindianer. Sie haben uns gezeigt, dass es auch in der sagenumwobenen, berüchtigten Kap Hoorn Region möglich ist zu paddeln.

 

Wir begannen Kartenmaterial vom südlichen Patagonien zu sammeln …

 

… durchstöberten Bücher über die damaligen Ureinwohner und informierten uns über die dortigen klimatischen Verhältnisse und die Versorgung mit Ausrüstung und Verpflegung. Die Karten waren teilweise über hundert Jahre alt und entsprechend ungenau. Das Klima ähnelt im weitesten Sinne dem westnorwegischen, nur eben alles etwas extremer. Wir beschlossen an der chilenischen Pazifikküste im Nordosten der Isla Chiloé in Puerto Montt zu starten. Hier begann die Inselwelt der patagonischen Südküste und bot unseren kleinen Eskimokajaks (Typ: Habel) ein wenig Schutz vor Wind und Wellen des Pazifiks.

 

Die Verpflegungssituation war schon ein größeres Problem, denn schätzungsweise für zweieinhalb Monate sollten wir nichts einkaufen können. Wir begannen bei Zeiten unseren Nahrungsmittelverbrauch zu testen. Am Ende wogen unsere Boote am Start rund 120 Kilo. Morgens gab es Müsli gemischt mit Kakao- und Milchpulver, dazu Tee. Abends kochten wir schwarze, weiße, gefleckte, rote oder gelbe Bohnen mit Tütensuppen. Davon kochten wir etwas mehr, um es am nächsten Tag unterwegs kalt zu verzehren. Sonntags gönnten wir uns Spaghetti mit Tomatensoße oder Pfannkuchen.

 

Im August 1992 schickten wir unsere Boote samt Ausrüstung per Schiff auf die Reise nach Argentinien und flogen einen Monat später hinterher. Nach einem etwas komplizierten Landtransport im LKW nach Chile (die Länder pflegen keine allzu gute Nachbarschaft) warteten dort erneut Hindernisse auf uns.

 

Die chilenische Marine passt sehr genau auf …

 

… wer sich in ihren Gewässern bewegt. Wir mussten uns einem genauen Ausrüstungscheck unterziehen und erhielten die Fahrerlaubnis nur bis Puerto Natales, wo wir Weihnachten feiern wollten. Dort sollten wir eine weiterführende Fahrgenehmigung beantragen. Das schlimmste waren zwei weitere Auflagen: Mit unserem Handfunkgerät sollten wir uns zweimal täglich beim nächsten Marinestützpunkt melden. Das würde unser Akku aber nur eine Woche schaffen. Zu 1x täglich ließen sie sich überreden, weniger nicht. Das zweite Problem war die vorgeschriebene Fahrtroute. Wir erhielten ein Formular für Segler, Berufsschifffahrt, Paddler etc. das verpflichtete uns die „Ruta Commercial“ zu nutzen, die weit draußen vor der Küste entlang führte. Ankern war nur ca. alle 60 Seemeilen in bestimmten Buchten, und Landgang noch seltener erlaubt.

Mit Herzklopfen unterschrieben wir das Formular und fuhren los.

 

Später meldeten wir uns alle 5 Tage bei vorbeifahrenden Frachtern mit recht vagen Aufenthaltsangaben und baten sie, unsere Position an die Marine weiter zugeben.

 

Die ersten Tage unserer Tour verliefen wie im Sommerurlaub …

 

… Sonne und ein laues Lüftchen. Die ersten Seelöwen ließen uns vor Schreck noch die Luft anhalten, ebenso die hübschen schwarzweißen Delfine dieser Region. Mit der Südspitze der Halbinsel Chiloé kam die erste aufregende Strecke. Wir mussten über 45 km freie See zu den nächsten Inseln springen. Da tagsüber der Wind schon recht kräftig wehte, nutzten wir die nächtliche Windstille. Auf dieser Tour erfuhren wir das erste Mal die Macht der Natur und es sollte nicht das letzte Mal werden. Mitten in der Nacht fuhren wir ins Schwarze. Nur mit Hilfe unserer Stirnlampen lasen wir regelmäßig den Kurs ab, doch die dicht vorbeiziehenden Felsen mit ihren brüllenden Seelöwen machten uns beiden etwas Angst. Am frühen Vormittag zeigten sich Wind und Tidenströmung als schlimmste Gegner. Letztere zog uns auf das offene Meer hinaus, so dass wir stark vorhalten mussten, zugleich frischte der Wind sehr frühzeitig auf und fiedelte uns entgegen. Nach 9 Stunden anstrengender Paddelei ohne Pause erreichten wir glücklich unser Ziel. Ich überlegte an diesem Tag das erste Mal was uns wohl noch erwarten würde und ob wir nicht zu optimistisch waren.

 

Der Regen war für die nächsten drei Wochen unser zuverlässigster Begleiter …

 

… Als es aufhörte, befanden wir uns kurz vor einem der Höhepunkte der Reise: Am Ende eines tiefen Fjordes erreichten wir die Laguna San Rafael im schönsten Sonnenschein. Hier mündet ein imposanter Gletscher direkt in die Lagune. In gebührendem Abstand schlugen wir unser Zelt mit Blick auf die Gletscherkante auf. Von der ca. 500m breiten und 20m hohen Kante brachen immer wieder Stücke ab, die als große und kleine Eisberge in der Bucht herum schwammen. Die Luft war erfüllt vom Donnern, Klirren und Glucksen des Eises.

 

Von hier aus wollten wir eine 6 km lange Landpassage starten. In einem 20 Jahre alten Zeitungsartikel pries die Regierung ein besonderes Bauvorhaben an. Sie wollte vom Ende der Laguna San Raphael aus einen Stichkanal in südwestliche Richtung bis zurück zum Meer bauen. Dieser Kanal sollte von Ausflugsdampfern genutzt werden, zumal in diesem Bereich die Küste gänzlich ungeschützt ist. Mit dem Bau wurde angeblich sogar begonnen, doch wie weit und wann, das stand da nicht. Das Vorhaben wurde nie zu Ende geführt.

 

Nach einigen Tagen Pause in dieser märchenhaften Lagune, fanden wir Spuren des Stichkanals. Leider endeten die kleinen Tümpel schon bald und wir mussten unsere Boote wie Schlittenhunde an Gurten hinter uns her durch die moorige Ebene ziehen. Nach 3 Tagen Booteziehen und Gepäckschlepperei, erreichten wir den kleinen Rio Negro, der sich als Gletscherfluss zum Meer hin schlängelte. Das Salzwasser begrüßte uns mit Sonnenschein und einem Sommerlüftchen und wir hatten noch einige Tage lang Muskelkater in den Beinen.

 

Zunächst verschlechterte sich die Wetterlage wieder, es regnete jeden Tag pausenlos und etliche Sturmtage bremsten unseren Vorwärtsdrang erheblich. An einem dieser grauen Tage, an dem die Regenwolken knapp über unseren Köpfen hingen und so richtig auf unsere Stimmung drückten, erreichten wir eine kleine Insel, ironischerweise Puerto Eden genannt. Hier befand sich bis vor 50 Jahren noch eine Missionsstation der Salesianermönche. Sie gaben den vertriebenen Resten eines faszinierenden Volkes eine Zuflucht.

 

Die Yamana Indianer lebten als Wassernomaden …

 

…Sie befuhren mit kleinen Rindenkanus das Meer, ernteten Meeresfrüchte und fingen Robben und Fische. In ihren Kanus brannte stets ein kleines, wärmendes Feuer. Diese Menschen wurden von weißen Robbenfängern, Schafzüchtern und Walfängern gnadenlos gejagt und im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts schließlich ausgerottet. Wirkliche Gründe sucht man, wie so oft, vergeblich. Genannt werden jedoch einige: Da wären Konkurrenz, Andersartigkeit, Angst etc. In Puerto Eden erhielten sie zwar Zuflucht, aber nur auf die Art der Mönche. Sie ließen die Yamana in verräucherten Wellblechhäusern wohnen und gaben ihnen baumwollene Kleidung und Nahrung. Das führte ungewollt zu Mangelerscheinungen, Krankheiten und Tod.

 

Puerto Eden ist eine Insel, auf der man nur auf Holzstegen laufen kann. Nach zwei Reihen Häusern breitet sich das undurchdringliche, subarktische Regenwalddickicht aus. Die Einwohner stammen alle irgendwie von den Yamana ab. Wir nannten den uns begrüßenden Leuten unseren größten Wunsch: Frisches Brot! Eine gebückte Frau nahm uns mit in ihre Hütte. Dort war es zugig, es gab einen Tisch, ein Bett, einen Schrank, zwei kaputte Stühle und ein kleines Foto an der Wand (ihr Mann?). Ihr Sohn saß in einer dunklen Ecke und sah uns neugierig an. Während der Regen durch ein Loch am Ofenrohr entlang auf die Ofenplatte zischte, backten unsere Brote und wir versuchten unsere erste kleine Unterhaltung auf Spanisch. Wir trugen uns sogar in das Gästebuch des Dorfes ein.

 

Es folgten weitere Tage mit Regen, Sturm …

 

… und Kampf gegen die Naturgewalten. Aber auch schöne Erlebnisse sollten uns an diese Zeit erinnern. Wir hatten zu Hause kleine Zugdrachen gebaut. Da wir oft achterliche Winde hatten, ließen wir die Drachen aufsteigen und banden sie vorne an die Luke. Damit konnten wir uns erholen oder sogar noch mitpaddeln und jagten mit bis zu 9 km/h durch die Wellen.

 

Aufregend wurde es, wenn die Unwetterfronten herannahten. Dann verdunkelte sich der Himmel zu einem schwarzgrau und unter den Wolken hing ein undurchsichtiger weißer Regenschleier, das Wasser darunter begann zu fliegen und wir mussten versuchen unsere Drachen innerhalb weniger Sekunden vom Himmel zu holen. So manches Mal schafften wir es nicht mehr rechtzeitig hinter eine rettende Insel und wir mussten das Unwetter ungeschützt absitzen. Ans Paddeln war in dem Augenblick nicht mehr zu denken, wir lehnten uns mit der Paddelstütze weit in den Sturm und versuchten die Spitze auf Kurs zu halten. Mit Glück war der Spuk schon bald vorbei und wir konnten nach einer Stunde weiter fahren. So manches Mal steckten wir unsere Nasen morgens aus dem Zelt und entschieden uns schweren Herzens zu bleiben, wo wir waren. Nur zu oft zeigte uns Petrus wie klug unsere Entscheidung war und legte später noch einige Windstärken zu.

 

So näherten wir uns nur langsam unserem Etappenziel, Puerto Natales …

 

… Unsere Nahrungsmittel mussten wir immer mehr strecken und die Laune näherte sich den Temperaturen an, die zeitweise um die 2°C lagen.

 

Erst 2 Tage vor Weihnachten erreichten wir erleichtert unser Ziel. In der Hospedaje „Mama Dickson“ fanden wir liebevolle Aufnahme und wurden sogar zum Weihnachtsessen der Familie eingeladen. Im Süden Patagoniens wird traditionell ein halbes Lamm gekauft und sehr lecker zubereitet. Es ist ein etwas ungewohnter Anblick, wenn jeder zweite Mann auf der Straße ein unverpacktes halbes Lamm über der Schulter trägt.

 

Das Wetter entschädigte uns derweil für die vergangenen Wochen im Regen und Sturm, die Sonne strahlte und das Thermometer zeigte knapp 20°C an. Es waren 10 Tage der Erholung, an die wir noch lange zurückdenken sollten. Da konnte uns die Erlaubnis zur Weiterfahrt nur bis Punta Arenas kaum schocken.

 

Wir lernten die vierköpfige Besatzung einer australischen Segeljacht kennen, mit denen wir wunderschöne Ausflüge in die Umgegend unternahmen und schließlich auch das Neue Jahr begrüßten. Sie versuchten uns sogar zu überreden mit ihnen weiterzusegeln, da sie genau die gleiche Route fahren wollten. Genau das heizte jedoch unseren Durchhaltewillen wieder an und wir lehnten dankend ab. Am  letzten gemeinsamen Abend verabredeten wir zwei Orte, an denen sie uns Vorräte hinterlassen wollten. Es war ein trauriger Abschied, zumal unsere australischen Freunde so taten, als ob wir uns niemals wieder sehen sollten. Dabei hatten wir uns doch in Brasilien im Ferienhaus eines ebenfalls neuen Freundes verabredet. Trauten sie uns unser Vorhaben etwa nicht zu?

 

Wieder steuerten wir tief in einen Fjord hinein …

 

… Wir wollten einen gefährlichen Abschnitt ohne Inselschutz „umtragen“ und wählten dazu eine Landenge, die zwischen zwei tief ins Landesinnere hineinragenden Fjorden liegt. Kopien von dem Kartenmaterial für die gesamte Strecke besaßen wir zwar, aber teilweise waren die Karten noch von Hand gemalt und über 100 Jahre alt. An manchen Stellen wiesen die Karten weiße Flecke auf. Die chilenische Armee sorgt natürlich dafür, dass dieser Zustand so bleibt. In so einem Gebiet befanden wir uns gerade.

 

In einem alten Buch über die Yamana wurde die genannte Landenge erwähnt. Irgendwo in dem Gebiet befanden sich zwei Seen, die eine Landportage erleichtern sollten. Die Wolken saßen wieder so tief, dass die Bergspitzen unsichtbar blieben und auf unser Gemüt drückten. Diesmal mussten wir unser Gepäck und die Boote nicht nur durch ein Moor ziehen, sondern durch ein felsiges, kuppiges Gelände und wir brauchten oft Stunden, um den Weg zu erkunden. War es überhaupt der „richtige“ Weg? Nach tagelanger Plagerei erreichten wir einen See, der endlos groß schien, nach einer Geschmacksprobe waren wir uns sicher, dass es sich um den gesuchten Fjord handeln musste. Doch wo wir uns zu dem Zeitpunkt genau befanden, wussten wir nicht. Trotzdem erreichten wir das offene Meer und setzten erleichtert unsere Fahrt fort.

 

Unser Weg führte weiter an einer grandiosen Kulisse entlang. Die Gletscherzungen reichen auch hier bis ins Meer hinein und füllen große und kleine Fjorde mit Eisbruch. Einmal passierten wir ein kleines Fischerboot. Die Fischer fahren jeweils für zwei Monate hinaus in die Fjorde und tauchen nach riesigen Cholgas (Miesmuscheln) oder fangen Lachse. Einen ihrer Lachse schenkten sie uns, er war fast einen halben Meter lang und ernährte uns drei Tage. Ich bereitete den Lachs am Kiesstrand einer kleinen Bucht zu, wo mich die ganze Zeit über ein neugieriger Seelöwe beäugte und später stritten sich zwei riesige Kondore vor meiner Nase um die Fischreste.

 

Wir überquerten die Magellanstraße …

 

… wo wir eines der Depots der australischen Jacht ausgruben. Es war ein richtiger Schatz mit Gemüsekonserven, Schokolade, Bier und Pisco. Hier begegneten wir auch unseren ersten Buckelwalen. Sie schwammen in aller Ruhe um uns herum, es waren atemberaubende Momente. Noch einige Male sollten wir sie aus der Ferne hören und sehen.

 

Vorerst erreichten wir zufällig eine Hütte mit chilenischer Flagge davor. Nach wochenlanger Einsamkeit, ein verwirrender Anblick. Wer konnte hier wohl wohnen? Ganz einfach in kleinen Hütten entlang der Küste bis zum Kap Hoorn sind chilenische Marinesoldaten stationiert, die die Küstenabschnitte observieren und Funkkontakt zur vorbeifahrenden Schifffahrt aufnehmen. Unsere gelegentlichen Funksprüche mit der Marine verrieten unser baldiges Erscheinen.

 

Es wurde ein Glückstreffer, denn von nun an zogen wir von einer Station zur anderen und wurden jedes Mal sehnsüchtig erwartet und sogleich bewirtet. Unser Zelt bauten wir nur noch dazwischen auf. Für die Soldaten waren wir eine schöne Abwechslung, denn sie wurden jeweils zu dritt für zwei Monate in den Hütten ausgesetzt.

 

Nachdem uns die Marine zwar die Weiterfahrt bis zum Kap Hoorn doch noch genehmigt hatte, nicht aber den von uns gewählten, relativ sicheren Weg entlang einer Inselkette …

 

… mussten wir nun über die unberechenbare Bahia Nassau.

 

Es handelt sich um 40 km freien Seeraum bis zur Kap Hoorn Inselgruppe. Weit im Westen wird die Bahia Nassau durch besagte Inselkette begrenzt und Richtung Osten kommt solange das offene Meer, bis man die Inselkette im Westen nach einer Umrundung des Erdballs wieder erreicht hat. Da die Wassertiefe hier sprunghaft geringer wird, entsteht schnell eine hohe, steile See, die nicht gerade für Kajaks geeignet ist. Doch eine weitere Marinestation, die uns schon erwartete, gab uns genaueste Daten über Luftdruck, Windgeschwindigkeit etc. durch und so wagten wir im Morgengrauen die Überfahrt.

 

An der patagonischen Westküste gibt es keine Wettervorhersage …

 

… da das Wetter viel zu sprunghaft ist. Dies zeigte sich eindrucksvoll direkt vor der Kap Hoorn-Insel. Uns trennten nur noch 24 km, also ca. vier Stunden Fahrt, aber während wir auf unserer Insel noch annehmbare Windstärken und zeitweise sogar Sonne hatten, verschwand die Kap Hoorn-Insel regelmäßig in schwarzen Unwetterwolken und laut dort stationierten Soldaten stiegen die Windgeschwindigkeiten auf 8-9 Bft. und mehr an.

 

Erst nach drei Tagen der Warterei nutzten wir eine längere Windpause zur Überfahrt. Jedoch nur um für weitere vier Tage einzuwehen. Auf der Marinestation am Kap Hoorn war es nie langweilig. Besonders spannend war es, als eines der Kreuzfahrtschiffe aus der Antarktis unten in der Bucht ankerte. Der Wind ließ erst nach vielen Stunden so weit nach, dass die Touristen mit Schlauchbooten an Land gebracht werden konnten. Fleißig stempelten wir die begehrten Kap Hoorn-Stempel in die Pässe der Touristen.

 

Am nächsten Tag konnten auch wir aufbrechen.

 

Wir wollten das Kap in Ost-West-Richtung passieren …

 

… und gleich weiter in der nördlich gelegenen Inselgruppe Schutz suchen. Bei mächtiger Dünung und erstaunlich lauem Lüftchen erreichten wir das eigentliche Kap. Doch innerhalb weniger Minuten brieste es auf und uns pfiff ein starker Nordwest entgegen. Nun hatten wir keinen Schutz vor Wind und Wellen mehr und wir kämpften uns zwei Stunden gegen den immer stärker werdenden Nordwestwind an. Wir paddelten schon einige Zeit nahezu auf der Stelle und der Himmel verdunkelte sich immer mehr, da beschlossen wir schweren Herzens umzukehren, denn weit und breit war keine Chance mehr anzulanden. Nach drei Stunden Kampf gegen die Naturgewalten kehrten wir um und flogen in nur einer Stunde am Kap vorbei in die Landebucht zurück.

 

Die Soldaten oben in der Hütte hatten besorgt die kleine Wetterstation beobachtet und waren sehr erleichtert uns wohlbehalten wieder zu sehen. Inzwischen hatte der Wind erneut gedreht und nahm stetig zu, bis er mit 140 km/h zum Orkan geworden war und an den Stahlverankerungen der kleinen Hütte riss. Wir waren keine Minute zu früh umgedreht und waren dankbar für unser Glück, dass wir an diesem Tag hatten.

 

Die Gastfreundschaft der Soldaten begleitete uns auch …

 

… auf unserem Rückweg zum Beagle-Kanal …

 

… wo wir die Grenze nach Argentinien überfuhren und unsere Tour in Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens, nach rund 5 Monaten und 3000 gepaddelten Kilometern beendeten.

 

Quelle: 100 Jahre Alster-Canoe-Club e.V. 1905 – 2005 (S.90-96)