05.11.2006 Umrundung der Isle of Wight (England) (Revier/Ausland)

 

Wer als Tourist mit seinem Auto (inkl. Seekajak auf dem Dach) entlang der südenglische Küste fährt, sollte nicht nur einen Abstecher zur Isle of Wight (IOW) unternehmen, um sich per Rundtour mit dem Auto die Insel anzuschauen, sondern er sollte sich – nachdem er bei der Autofahrt Ausschau nach möglichen Übernachtungsplätzen gehalten hat - überlegen, die IOW einmal per Seekajak zu umrunden. Wenn das Wetter, die Kondition und die Seetüchtigkeit stimmt, könnte die knapp 100 km lange Tour nach 3 – 4 Tagen beendet werden, ungeachtet dessen, dass  mancher Extrempaddler dafür nur 12 – 14 Stunden benötigt.

 

Der in England lebende Rainer Kumm, der Autor des folgenden Berichts, schaffte die Umrundung zusammen mit 11 weiteren Seakayakern in 2 Tagen. Es handelte sich dabei um eine Fahrt, die jedes Jahr im Juli vom „Portsmouth and District Canoe Club“ (PDCC) veranstaltet wird:

 

Mit der Tide zu den „Needles“

 

Start war um 9 Uhr (= 1 Std. vor Hochwasser Portsmouth) ca. 6 km westlich von Portsmouth bei Lee-on-the-Solent. Gerundet wurde wegen der günstigen Tidenverhältnisse entgegen dem Uhrzeigersinn. Das Wetter war heiß und sehr schwül, kaum Wind. 44 km sollte die erste Tagesetappe lang sein, zum Glück fast immer mit der Tidenströmung im Rücken.

 

Zunächst wurde der ca. 7 km breite „Solent“ (Meeresarm zwischen IOW und Festland) hinüber nach Cowes gequert. Dann ging es mit der Tide zügig voran. Nach weiteren ca. 7 km wurde die Einfahrt zum „Newton Harbour“ passiert und ca. 10 km später „Fort Victoria“. Ein naher Sandstrand bot sich als Pausenplatz an. Aber da es so flott strömte, wurde weiter gepaddelt zu den nur noch ca. 7 km entfernt liegenden  “The Needles”, einer Engstelle mit charakteristischen 30 Meter hohen Kreidefelsen am südwestlichen Ende des „Solent“.

 

Dort wurden wir von einem kurzen aber äußerst heftigen Gewitter überrascht. Zeitweilig war es stockduster, die Sicht unter 100 Meter, und heftige Fallwinde erschwerten das Paddeln. Glücklicherweise konnten wir alle in einer Höhle wenige 100 Meter vor der äußersten Spitze der IOW Zuflucht finden so dass wir dies gleich zur Mittagspause nutzten.

 

Kurz hinter „The Needles“ liegt an der Südküste der IOW die „Scratchells Bay“. Anschließend galt es, die letzten ca. 13 km bis zum Campingplatz „Grange Farm“, der an der „Brighstone Bay“ liegt, hinter uns zu bringen. Ab 15 Uhr (= 5 Std. nach Hochwasser Portsmouth) strömte die Tide Richtung Ost, also mit uns. Dennoch ging es schon um 14 Uhr aufs Wasser. Bei meist mäßigem Seegang paddelten wir an der „Freshwater Bay“, der ““Campton Bay“ und „The Undercliff“ vorbei. 2 Stunden später erreichten wir die „Brighstone Bay“. Unterhalb des Campingplatzes landeten wird an. Die Seekajaks ließen wir gesichert am Strand zurück. Dann erklommen wir mit unserem Gepäck zunächst einen Kieswall und anschließend einen steilen Pfad die Steilküste hinauf aufs Inselplateau.

 

Am nächsten Morgen mussten wir um 6 Uhr in den Seekajaks sitzen, um die Tide auf unserer Seite zu haben. Wer die Richtung des Tidenstroms selber errechnen will, sollte wissen, wann Hochwasser in Portsmouth ist (an dem 2. Tag war das um 11.04 Uhr) und in welchem Zeitraum die Tiden an der Südküste von IOW Richtung Ost strömt (hier: von 4.30 h vor Hochwasser Portsmouth bis 1 h nach Hochwasser Portsmouth). So kann jeder für sich ermitteln, dass an diesem zweiten Tag die Tide von 6.30 bis 12.00 Uhr Richtung Ost strömt.

 

Zunächst paddelten wir auf einer längeren Strecke 2-5 km weiter draußen, um Querströmungen zu vermeiden und den Tidenstrom richtig zu nutzen. Von unseren Seekajaks aus hatten wir einen atemberaubenden Überblick auf die meist sandig-kieselige Steilküste. Leider ist es dort nicht immer einfach, am Spülsaum vor der Felsküste eine geeignete Stelle zum Anlanden zu finden. Wenn dann ein Wind mit 3-4 Bft. und mehr aus Süd bis Südwest weht, erschwert zusätzliche Brandung das Anlanden.

 

Stromkabbelung am „Rocken End“

 

Nach ca. 12 km passieren wir „St. Catherine’s Point“, die Südspitze von IOW. Dort am „Rocken End“ lässt sich genau das anschaulich beobachten und erleben, was landläufig als „Kapeffekt“ bezeichnet wird: In der Nähe von Kaps ist nicht nur mit der Erhöhung der Windstärke um 1-3 Bft., sondern auch mit einer Erhöhung der Stromgeschwindigkeit zu rechnen. Die Folgen können dann heftige Stromkabbelung („tidal race“) sein, verbunden mit Grund- und Kreuzseen, die leicht 1-2 Meter erreichen können, und das auch bei ruhigem Wetter.

 

Wegen dieser Gefahr, achtete der Fahrtenleiter sehr darauf, dass die gesamte Gruppe weitab von der Steilküste paddelte. In der zu Beginn der Tour verteilten Unterlagen stand ebenfalls ein Warnhinweis: „After St. Catherine’s Point stay away from the shore!“

 

Es war heißer, als uns der leichte Regen am Morgen erwarten ließ. Wir legten zu jeder vollen Stunde zum Trinken & Essen eine dringend benötigte 5-Minuten-Pause ein. Ich freute mich am meisten darüber; denn es war meine erste lange Gepäckfahrt auf dem Ärmelkanal und eigentlich hatte ich mich von der gestrigen Tagesetappe noch gar nicht so richtig erholt.

 

Wir paddelten an Ventor, Sandown und „Culver Cliff“ vorbei und erreichten gegen 11 Uhr Bembridge, das östliche Ende der IOW. Nahe der Landungsbrücke legten wir an und genossen unsere Mittagspause. Die brauchten wir auch; denn zum einen waren wir seit unserem morgendlichen Frühstart 5 Stunden unterwegs (immerhin galt es ca. 35 km zu überwinden), und zum anderen wollten wir mit der Strömung von Bembridge Richtung Lee-on-the-Solent paddeln. Erst 2 Std. nach Hochwasser Portsmouth sollte es in den östlichen Arm des „Solent“ hinein strömen, und zwar bis 5 Std. nach HW Portsmouth. Übertragen auf unsere zweite Tagesetappe strömte es folglich von 13.00 – 16.00 in Richtung Lee-on-the-Solent.

 

Noch knapp 20 km standen uns bevor. Um den Tidenstrom effizient zu nutzen, legten wir schon um 12.00 Uhr ab und folgten nicht - wie es nahe liegend wäre - einfach der Küstenlinie, sondern hielten auf „No Mans Land Fort“ zu, um dort das Hauptfahrwasser nach Portsmouth zu queren. Hier heißt es gut aufpassen; denn es verkehren neben den üblichen Seeschiffen auch Hovercrafts, Schnell- und Autofähren. Es gibt hier fast immer Kabbelwasser und auch erhebliche Tidenströmungen – Vorsicht nahe an der Hafeneinfahrt und im Hauptfahrwasser von Portsmouth kann es bis zu 5 Knoten strömen. Das sind immerhin über 9 km/h! Hinzu kommen die Heckwellen der Motoryachten. Das Ergebnis ist dann „Kabbelwasser pur“!

 

Der Rest war Routine. Nach kurzem Endspurt erreichten wir Lee-on-the-Solent, den Ausgangspunkt unserer insgesamt 98 km langen 2-tägigen Tour. Ich war ziemlich erschöpft aber glücklich über die für mich ungewöhnliche Leistung.

 

Kurz-Infos:

 

Allgemeines: Die Isle of Wight (IOW) liegt an der südenglischen Küste zwischen Portsmouth und Bournemouth und gegenüber von Cherbourg (Frankreich). Ihre Umrundung (ca. 100 km) an einem Wochenende ist nur etwas für nicht nur konditionsstarke, sondern auch wirklich seetüchtige Küstenkanuwanderer, die auch mal auf Tidengewässern über 50 km am Tag und mehr paddeln können und dann noch für den Fall, dass der Wind zunimmt, über Reserven verfügen. Es bleibt natürlich jedem überlassen, weniger zu paddeln und Ruhetage einzulegen - die IOW ist ein Paradies für Geologen, Fossiliensammler, Vogelbeobachter und Badefreunde: è www.islandbreaks.co.uk

 

Startplatz und Übernachtungsmöglichkeiten:

Als Startmöglichkeit bietet sich auf Grund der Tidenverhältnisse Lee-on-the-Solent an, welches ca. 6 km westlich von Portsmouth liegt.

 

Ein paar Kilometer weiter, am Rande Gosports liegt der King Fisher Camping- und Caravanplatz, in Gehentfernung von Stokes Bay:

http://www.kingfisher-caravan-park.co.uk/find.html

 

Der PDCC ist mein Club, es gibt kein Clubhaus, wer Kontakt aufnehmen möchte kann das über die Website tun: è www.pdcc.org.uk

 

Auf der IOW wurde der Campingplatz „Grange Farm“ gewählt. Dieser liegt recht ideal auf der Mitte der Strecke an der Brighstone Bay: è www.isleofwight.com/grangefarm/

 

Wetter: Die Tour sollte nur bei einer Windvorhersage von weniger als 4 Bft. unternommen werden, weil besonders bei Wind aus SW in Solent-Mitte mit einem “Düseneffekt” zu rechnen ist, der bei Wind gegen Strom eine sehr steile See entstehen lässt. Außerdem ist außerhalb des schützenden Solent, also auf der Südseite der IOW, ab 3-4 Bft. aus SW-SO mit teilweise erheblichem Seegang (Stromkabbelung, Grund-/Kreuzseen) zu rechnen, der sich an der Küste zu einer kräftigen Brandung aufbauen kann. Infos über Wetterprognosen sind erhältlich über:

 

è Rundfunk: BBC Shipping Forecast – 198 kHz (01.48+06.20+13.01+18.54 Uhr)

èTelefon (nur von England aus abrufbar):

     (a) Marinecall - 2-Tage-Prognose: 0891-1819-61

     (b) Marinecall - Kurzbericht mit stdl. Aktualisierung: 0891-226-61

     (c) Coastalcall: 0891-60266-4

è Telefon (Deutscher Wetterdienst): (tägl. neu um 9.00+21.00 Uhr)

     für Englischer Kanal Ost: 0049(0)69-8056-2553

è deutsches Handy: SMS-Abonnement (Infos über www.wetterwelt.de )

è Internet:

    (a) Deutscher Wetter-Dienst (60-Std.-Vorhersage):

     www.dwd.de/de/WundK/W_aktuell/Seewetter/Streckenwetter.htm

     (b) Met-Office: www.met-office.gov.uk/weather/marine/shipping_forecast.html

     (c) BBC (24-Std. u. 5-Tage-Prognose): www.bbc.co.uk/weather/coast/coastalforecast/

 

Gezeiten: Informationen hierzu gibt es unter:

 

è http://easytide.ukho.gov.uk/EasyTide/EasyTide/index.aspx (7-Tage-Prognose)

è www.pol.ac.uk/ntsl/tides/

è www.bbc.co.uk/weather/coast/tides/ (6-Tage-Prognose)

 

Längerfristige Gezeitendaten lassen sich ermitteln über:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Gezeitenberechnung-weltweit.pdf

è http://tbone.biol.sc.edu/tide/tideshow.cgi

 

Weiterhin können Gezeitendaten z.B. der „Quick Tide South East““ (2007/2008) entnommen werden. Es handelt sich dabei um ein gefaltetes Stück Karton-Blatt (DIN A 4) mit einer Drehscheibe. Einer Tabelle kann der Datumscode für einen bestimmten Tag, und einer Landkarte die Ortskennzeichnung (in Farbe) entnommen werden. Die Drehscheibe wird entsprechend ausgerichtet und schon kann graphisch der Verlauf der Tide für den eingegebenen Tag abgelesen werden. Die Genauigkeit der Hochwasserangabe soll zwischen ± ¼ bis 1 Std. sein. Erhältlich über

 

è www.quicktide.co.uk

 

(Preis: 7,99 £). Die Ausgabe für South East reicht von Bournemouth Richtung Ost bis über Bosten hinaus (englische Ostküste), sowie von Cherbourg (F) bis nach Vlissingen (NL).

 

Karten:

Unterwegs auf dem Wasser empfiehlt sich die amtliche britische Seekarte als Sportbootversion (Small Craft Edition), und zwar die Nr. BASC 5600, erhältlich in Deutschland über: è www.hansenautic.de bzw. vor Ort bei den zahlreichen Chandler genannten Yachtbedarfsläden in Gosport, Swanwick oder Warsash.

 

An Land hilft eine topographische Karte im Maßstab 1:50.000 am besten weiter, und zwar ist zu empfehlen die Karte von Ordnance Survey, Nr. 196: "Isle of Wight", die auch den Solent, Portsmouth und Southampton Waters mit einschließt.

 

Gefahren:

The Needles – Tidenstrom von bis zu 5 Knoten

St. Catherine’s Point – Grund- und Kreuzseen, “Tidal race”

Hauptfahrwasser um Portsmouth – Schiffsverkehr plus Tidenstrom.

Wenige Anlandemöglichkeiten auf der Isle of Wight

Aktuelle Fahrpläne der Katamaran-Schnellfähren einholen! Wenn man sie sieht sind sie schon fast da.

 

Ausrüstung: Übliche seetüchtige Ausrüstung inkl. UKW-Sprechfunk (VHF) bzw. Handy. Die für diesen Abschnitt zuständige Küstenwache (Coast Guard) befindet unweit des kostenlosen Parkplatzes bei Lee-on-the-Solent. Sie sollte – was in Großbritannien durchaus von der Coast Guard gewünscht wird - auf dem Laufenden gehalten werden (Tel. 023-9255-2100). Einfach mal „Hello!“ sagen. Übrigens, die allgemeine Notruf-Nr., über die neben der Polizei und Feuerwehr auch die Coast Guard erreicht werden kann lautet in Großbritannien: 999.

 

Alternativen und Eingewöhnungstouren: Rund um Hayling Island (40 km): Start in Langstone Harbour, unweit der Fußgängerfähre. Achtung: die gelben Warnbaken beachten – militärischer Sicherheitsbereich in Portsmouth Harbour! Langstone Harbour bietet sehr schönes Flachwasser, in der Einfahrt kann es jedoch tidenabhängig bis zu 5 Knoten und mehr strömen. Reichlich Vögel und Fische.

Weiter eignen sich die folgenden Meeresbuchten (Naturhäfen) für Touren bei unsicherer Wetterlage: Langstone Harbour, Chichester Harbour und Portsmouth Harbour. Wer es ganz gemütlich haben will oder gar zu unsicherem Wetter kann man auch von Warsash aus (Marina, kostenloser Parkplatz, Slipway) den River Hamble bis Botley hoch paddeln, ab etwa 1-2 Std. vor Hochwasser, „Jolly Sailor“ Pub mit Steg nach ca. 3 km, reichlich Schnepfen u.a. Vögel nördlich der M27 Autobahn.

 

Touristisches: Portsmouth Naval Museum – historische Werften der Kriegsmarine.

In der weiteren Umgebung gibt es einige der berühmtesten vorgeschichtlichen Bauwerke Europas, z.B. Stonehenge, Avebury (was in meinen Augen noch grandioser ist), Winchester Hill Fort. Dies ist eines eisenzeitliches Hügel-Forts von dem aus man einen Großteil der englischen Südküste überblicken kann.

 

Nächstes Paddelziel: Die Kreidefelsenküste westlich von Swanage bis „Durdle Door“ – Jurassic Coast Unesco Weltkulturerbe. Man kann auch auf dem „Dorset Coastal Path“ die steilen Hügel entlang wandern. Besonders bei stürmischem Wetter können hier atemberaubende Fotos geschossen werden. Gezeltet werden kann am Zeltplatz bei Lulworth oder z.B. in Langton-Matravers unweit Swanage, wo allerdings kein Strandzugang mit Boot möglich ist. Dort in 10 Minuten Fußweg in einem ehemaligen Steinbruch mit dem Kletterfelsen „Dancing Ledge“ gibt es im Brandungsbereich von Land aus Seeanemonen zu besichtigen. Ein paar Kilometer im Hinterland ist die imposante Ruine von Corfe Castle zu sehen. Es gibt also reichlich Alternativen zum „Abwettern“ oder zum Ausruhen für den Fall, dass die IOW-Umrundung zu anstrengend war.

 

Weiterer Link:

è www.sesk.co.uk - Kontaktbörse für Seekayaker an der Südküste

 

Text: Rainer Kumm

Link: www.kanu.de/nuke/downloads/Tourenbericht-IOW.pdf

Anmerkung: Ich danke U.Beier für seine vielfältigen Anregungen.