19.11.2006 Quer durchs dänische Wattenmeer (Varde-Højer) (Revier/Ausland)

 

"Traue keinem Einheimischen!" ... denn sie können sich nicht in deine Lage versetzen. Was du da im Seekajak treibst, ist für sie sowieso grober Unfug! Entsprechend hilfreich sind ihre Ratschläge. Trotzdem, wider besseres Wissen konnte ich es auch bei dieser Tour nicht lassen, einen Ortskundigen um Rat zu fragen. Das Revier des dänischen Wattenmeeres war mir nämlich fremd. Außerdem fehlten mir genauere Informationen über den Gezeitenverlauf. Am Abend vor dem Start vom Hafenstädtchen VARDE aus erkundigte ich mich daher vorsichtshalber vor Ort bei einem Kajütbootbesitzer, der gerade von seinem Boot kam, als wir unsere Zelte aufbauten. "God aften, wie weit ist es auf der VARDE Å bis zur Mündung in die HO BUGT?" - "18 Seemeilen!"  - "Was, das sind ja 33 Kilometer, ich habe aber auf der Karte nur 16 ausgeradelt?!“ (Lächeln) Und wann ist an der Mündung Hochwasser?" - "Morgen früh." - "Um wie viel Uhr?" - (Schulterzucken) "Sehr früh! Wenn ihr es verpasst, fällt die Bucht so flach, dass ihr nicht durchkommt!" - "So ein Mist auch!" Es war 23 Uhr. Dann müssten wir ja schon um Eins aufs Wasser, statt - wie geplant - um Fünf. Nach einigem Palaver mit den Kameraden einigten wir uns auf einen schnellen Spätstart: halb Vier Wecken und halb Fünf Starten! Und als wir am nächsten Morgen nach gut 2 Stunden Paddelei die HO BUGT erreichten, waren wir alle mal wieder klüger; denn die Strecke auf dem Fluss war doch eher 16 km lang und die Bucht vor uns war wohl recht flach, aber für die Kajaks tief genug, sodass auch noch 2 Stunden nach Hochwasser die Bucht entlang des Prickenweges durchquert werden konnte.

 

Wattenmeer – Wat fürn Meer?

 

Das Wattenmeer der Nordsee deckt etwa 500 km Küste ab. Es reicht von der niederländischen Insel TEXEL bis zur dänischen Insel FANØ, genau genommen bis zur Mündung des Flusses VARDE Å in die HO BUGT. Diese amphibische Landschaft ist für Holland, Deutschland und Dänemark etwas Einmaliges, wenn auch nicht - wie die Naturschützer es immer wieder gerne behaupten – etwas Einzigartiges für unsere Erde. Im steten Wechsel von Ebbe und Flut, die im Sechsstundenrhythmus abwechselnd das Landschaftsbild prägen, erscheinen mal endlose strömende, durch Untiefen und Sandbänke aufgewühlte Wasserflächen, mal endlose feuchte, durch Priele und Gezeitenströme zerfurchte Wattflächen. Hier hält sich auf Dauer - vom Negativbeispiel Erdölbohrinsel mal abgesehen - kein Mensch, sondern nur die Natur. Entsprechend können wir diese Wattenmeerlandschaft auch nur richtig erleben, wenn wir die Natur zu schätzen wissen. Wer mit einem Seehund genauso wenig anzufangen weiß wie mit einer Schule Schweinswale, einem Schwarm Brandgänse, einem Pärchen Austernfischer, einer Kolonie Seepocken, einem Büschel Meersenf oder einer handvoll schlickigem Sand, der mag wohl noch in Westerland gut aufgehoben sein oder auf einem Ausflugsdampfer, aber in einem Kajak auf dem Wattenmeer hat er eigentlich nichts zu suchen. Spätestens dann, wenn Wind und Regen oder Sand mal einen Tag nur von vorne kommen, wird er es selber einsehen, dass das Wattenmeer nicht sein Paddelrevier ist! Außer er hat seine Leidenschaft für diese während der Eiszeit platt gedrückten und glatt geschmirgelten Landschaft entdeckt: Eine Landschaft, wo das Wasser auch ohne Gefälle strömt; wo der Wind Berge entstehen und die See Inseln verschwinden lässt; wo wir uns als "Inseleroberer" wie ein "Gipfelbezwinger" fühlen können; wo wir beim Starten schon das Ziel sehen können; wo die Wellen so hoch sein können, dass sie uns den Blick auf den "Horizont" verdecken; wo wir uns davon überzeugen können, dass die gerade hier wie eine Scheibe aussehende Erde eine Kugel ist; wo sich auf den Halligen die Häuser wie Zelte zusammenkauern; wo sich an manchen Stränden die Menschen tummeln, als sei sie zu Hause in der City.

 

Warum durch Dänemarks Wattenmeer?

 

Das Wattenmeer ist überall sehr ähnlich: flach, Sand, Schlick, Muscheln, Möwengeschrei, Wasser, Wind, manchmal auch etwas Schaum und ein paar Klumpen Teer. Trotzdem reizte mich der dänische Teil des Wattenmeeres. Eine Durchquerung von Nord nach Süd, von VARDE bis HØJER lässt einem nämlich die ganze Vielfalt der Nordseeküstenlandschaft erleben, und zwar auf kleinstem Raum und das innerhalb von 3 Tagen.

 

1. Unverbaute Kleinflusslandschaft: Da wäre zunächst die VARDE Å. Dieser von den Gezeiten geformte Fluss gehört zu den wenigen Kleinflüssen der Nordsee, die völlig ungestört durch Sperrwerke, Deiche bzw. Schleusen direkt in die Nordsee fließen dürfen. Von der kleinen im Landesinneren liegenden Hafenstadt VARDE (18 Kilo Menschen plus Kirche, Museum und Freizeitpark) sind es etwa 16 km bis zur Mündung. Es ist ein typischer Gezeitenfluss: kräftig mäandrierend, hohes Schilfufer, wechselnde Strömung, platte Landschaft.

 

2. Flache "Boddenlandschaft": Dann kommt die HO BUGT, eine ca. 14x4,5 km große Bucht, die wie ein Binnensee aussieht. Auf Rügen würde man solch eine Bucht "Bodden" nennen; denn sie ist wirklich nur "stiefeltief" und mindestens einmal am Tag noch flacher, wenn nämlich Ebbe herrscht und etwa die Hälfte der Bucht trocken fällt. Im Westen der Bucht liegt ein großer Sandhaken, die Halbinsel SKALLINGEN, und in der Mitte der Bucht, mitten drinnen im Watt, die kleine Insel LANGLI, die unter Naturschutz steht und nur vom 16.7.-1.9. betreten werden darf.

 

Wer in der Zeit liegt und nicht gehfaul ist, kann eine Wattwanderung hinüber zur Insel machen. Spätestens eine Stunde vor Niedrigwasser sollte er jedoch wieder in seinem Kajak sitzen, sonst treibt ihn die Tide wieder zurück.

 

3. Reißende Gezeitenstromlandschaft: Am Ende der Bucht stoßen wir im "Gatt" zwischen der Halbinsel SKALLINGEN und der Insel FANØ auf das GRÅDYB, den nördlichsten Gezeitenstrom ("Tief") des dänischen Wattenmeeres. Im Wechsel der Gezeiten wird hier auf einer Breite von 1-2 km das Wasser zwischen Mündung der VARDE Å und ESBJERG herausgesaugt und 6 Std. später wieder hineingespült. Dabei kann das Wasser bis zu 3,5 km/h strömen.

 

Wenn hier der Wind aus Südwest kommt, mit 5 Bft. gegen die Tidenströmung bläst und ein Dampfer an einem vorbei fährt, dann können wir (alb-)traumhafte Seegangsbedingungen erleben. Wer so etwas liebt, dem ist zu empfehlen, sich durch die Wellen durchzukämpfen bis hinüber zur See- und Brandungsseite von FANØ und dort zu warten, bis das Wasser wieder aufläuft; denn die Sandinsel FANØ sollte nicht auf der Brandungs-, sondern auf der Wattseite umfahren werden.

 

Wer den Seegang jedoch fürchtet, tut gut daran, in Höhe des Ortes SÆDDING STRAND auf Niedrigwasser zu warten oder zunächst etwa 4 km dicht am nördlichen Rand des GRÅDYB entlang zu fahren in Richtung ESBJERG. Obwohl das Wasser eigentlich ablaufen sollte, läuft es dort am Rande noch auf, dank des Wasserdrucks aus der HO BUGT.

 

4. Endlose Wattlandschaft: Nun durchqueren wir auf der Ostseite von FANØ auf einer Strecke von etwa 18km ein Stück Wattlandschaft, die nicht typischer sein kann. Auch wenn einem die Brandungsseite von FANØ reizt, sollte wir uns für ihre Wattseite entscheiden; denn Brandung erleben wir noch genügend vor RØMØ, u.U. mehr als uns lieb ist. Außerdem ist FANØ die einzige Insel auf dieser Tour, die auf seiner Wattsseite umfahren werden darf.

 

Aber was bietet einem das Watt östlich von FANØ? Nun, einmal jede Menge Industrie im Osten auf dem Festland, da wo ESBJERG liegt, Dänemarks bedeutendster Nordseehafen. Übrigens, er wurde erst im letzten Jahrhundert errichtet, als wir Deutsche den Dänen HUSUM wegnahmen, damals 1864! Nun macht sich diese Stadt immer breiter am Rande Dänemarks unberühtester Wattenmeerlandschaft. Hässlicher geht es nimmer. Man muss diese Industriebauten - natürlich nur aus der Ferne - gesehen haben. Sie erinnern mich irgendwie an die Schlösser der LOIRE. Wir brauchen bloß die viele Türme durch Schornsteine und die Quadersteine durch Zement bzw. Stahl zu ersetzen. Nur wer bei dieser Tour durchs Watt von FANØ auch mal nach links hinüber zu diesen Monsterbauten des Industriezeitalters schaut, weiß erst so richtig den Blick nach rechts zu schätzen. Dort liegt ja die Insel mit ihren Dünen und Salzwiesen, die nur unterbrochen werden von NORDBY und SØNDERHO, zwei Schifferorte.

 

Insbesondere das idyllische SØNDERHO verdient einen Besuch. Nicht weil dies einst Dänemarks Hafen mit der größten Segelschiffsflotte war, sondern weil wir nicht eine solch große Anhäufung gut erhaltener reetgedeckter Häuser kaum noch irgendwo anders sehen werden. Über 200 Gebäude sollen dort stehen. Die meisten von ihnen sind in Ost-West-Richtung aufgereiht, um den stürmischen Westwinden zu trotzen. Nachdem wir stundenlang nicht enden wollende Wasserflächen mit unseren Seekajaks durchpflügt haben, bietet dieser Ort willkommenen Auslauf nicht nur für die Beine, sondern auch für Augen und Seele.

 

5. Geheimnisvolle Sandbankküstenlandschaft: Südlich von FANØ erstreckt sich auf einer Länge von etwa 21 km eine von zwei großen Gezeitenströmen durchfurchte Sandbankküstenlandschaft sondergleichen. Wer hier nicht zurück schaut zur "Skyline" von ESBJERG, sondern voraus in Richtung RØMØ, sieht von seiner Paddlerperspektive aus nur noch eine mit Sandrücken durchsetze Wasserfläche, welche zum Westen hin in einer brandenden See endet. Dieses Gebiet ist durchaus mit den KNECHTSÄNDEN vergleichbar, die westlich von CUXHAVEN im niedersächsischen Wattenmeer liegen, wenn nicht ein wesentlicher Unterschied bestände: die meisten Sände dürfen wir hier in Dänemark noch betreten, weil nur die wirklich schutzbedürftigen Abschnitte gesperrt wurden.

 

Auf den PETER-MEYERS-SAND wollte ich mit meinen Kameraden meinen Traum wenigstens für eine Nacht ausleben: Draußen weitab von der Küste auf einer Sandbank zu nächtigen und zu warten, bis die auflaufende Flut mir meine Füße leckt. Am darauf folgenden Tag sollte - bei einer nur 3-tägigen Tour - die Marschinsel MANDØ links liegen gelassen werden, um den Seegang vor den Sandbänken von FLAKSTJÆRTEN, KORESAND und RØMØ FLAK zu erleben. Sie sorgen für die Abwechslung, die wir brauchen, wenn überhaupt keine Seehunde auftauchen und keine Küstenseeschwalben direkt neben uns stoßtauchen wollen.

 

6. Schäumende Brandungslandschaft: Da wir nun im Training ist, dürfte uns die knapp 20km lange Brandungsseite von RØMØ nichts mehr ausmachen. Warum auch, ist doch Brandungspaddeln sehr kurzweilig, nur noch mit einer rauschenden Tiefschneeabfahrt vergleichbar. Wem das trotzdem nicht gefällt, muss auf eine brandungsfreie Gasse direkt vor dem Strand oder auf östliche Winde hoffen. Bei ablandigem Wind herrschen nämlich an der Westseite von RØMØ "Ententeichbedingungen". Bläst es aber mit 4Bft. und mehr aus westlicher Richtung, dann bauen sich bei Flut Brecher auf, die wir bei uns in Deutschland nur noch von Sylt oder den ostfriesischen Inseln kennen. Wer dann keinen Trockenanzug an hat, bekommt nicht nur einen nassen Kopf.

 

Zum Glück gibt es für jene, die so etwas nicht mögen, den Bootswagen. Sofern er über große, dickere Räder verfügt, dürften sie gar nicht viel langsamer als die paddelnden Kameraden sein. Aus sicherem Abstand können sie ihnen zuschauen, wie sie von den Brechern zum x-ten Male geduscht oder geschleudert werden. Vielleicht leistet irgendwann mal ein Kamerad einem etwas Gesellschaft.

 

Das wird aber immer nur notgedrungen, niemals freiwillig passieren; denn auf dem Strand von RØMØ sind wir nicht allein! Hunderte von Autos tummeln sich entlang des -zig Kilometer langen Strandes. Wer sein Handtuch an den sandigen Spülsaum legt, begibt sich eigentlich in Lebensgefahr, nicht weil ein Kaventsmann ihn ins Meer ziehen, sondern weil er von einem Auto überfahren werden könnte. Halb Hamburg soll hier unterwegs sein, natürlich auf Rädern. Zum Glück gibt es aber auch autofreie und somit menschenfreie Zonen. Außerdem ebbt gegen Abend der Autoverkehr ab. Dennoch sollten wir nur dort biwakieren, wo keine Reifenspuren entlangführen.

 

7. Typisch deutsche Wattenmeerlandschaft: Zum Schluss gibt es eine Wattenmeerpassage, die uns Deutschen eigentlich sehr vertraut sein müsste. Ein Verirren ist - entsprechende Sicht vorausgesetzt - nicht möglich, da endlich wieder Seezeichen vorhanden sind. Reichhaltig verteilt und präzise ausgelegt, damit wohl ja keiner aus versehen ins benachbarte Ausland abdriftet. Dank der drei (!) großen Gezeitenströme RØMØ DYB, HØJER DYB und LISTER LEY, die sich zwischen RØMØ und SYLT zum LISTER TIEF vereinigen, entsteht eine bis zu 5,5 km/h schnelle Tidenströmung. Sie versorgt einem mit genügend Schub, um die 20 km bis zur See-Schleuse von HØJER im ICE-Tempo zu überwinden, vorausgesetzt wir haben achterlichen Wind.

 

Die Nordspitze von Sylt lassen wir rechts liegen - wenn wir nicht auf dem Sylter ELLENBOGEN Pause machen wollen. Dann geht es immer genau den Seezeichen des HØJER DYB entlang. Wer etwas abkürzen will, saugt sich unweigerlich mit seinem Kajak über den Untiefen vor Dänemarks einziger Hallig fest. das für Touristen gesperrte Vogelschutzgebiet JORDSAND. Übrigens, so gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges gewannen die Dänen dort eine große Seeschlacht. Die Opfer, knapp tausend holländische und schwedische Seeleute wurden auf JORDSAND begraben. Heute steht dort nur noch ein Vogelwärterhäuschen, und zwar auf Pfählen, damit sein Fußboden bei Sturmflut trocken bleibt.

 

Wenn wir JORDSAND links hinter uns haben, treffen wir rechts vor uns auf die südlichste dänische Seehundbank. Wer hier auf genügend Abstand zu den Seehunden achtet, hat am längsten was von ihnen. Dann bleiben sie nämlich wie auf einem Präsentierteller liegen.

 

On Tour

 

Donnerstag: Drei Tag hatten wir uns Zeit genommen für die vollständige Durchquerung des dänischen Wattenmeeres. Donnerstagabend fuhren wir von Hamburg aus los, Richtung VARDE. Im Dunkel der Nacht schlugen wir direkt am Südufer des "Hafens" mitten im Ort auf einer typischen "Mittsommernachtswiese" unsere Zelte auf. Zu spät um deshalb zum öffentlichen Ärgernis zu werden!

 

Freitag: Die Nacht war kurz. Als es dämmerte, saßen wir schon in unseren Seekajaks. Mit dem Sonnenaufgang im Rücken glitten wir über das spiegelglatte Wasser der VARDE Å. Es war viel zu früh. Wir begegneten keinem Menschen, nicht einmal Angler. Ab und an sahen wir  ein paar Kühe, die wohl zu müde zum "Hinter-uns-her-schauen" waren. Sogar die ansonsten scheuen Fischreiher blieben stehen. Wir genossen die Flusspaddelei. Es ist entspannend, einfach nur vor sich her zu paddeln. Warum quälen wir uns nur immer so auf dem Meer herum?

 

Die HO BUGT war noch voll Wasser, trotzdem mussten wir uns nach den im Wasser ausgesteckt Pricken, richten. Wer sie ignorierte, saugte sich fest und kommt trotz doppelter Schlagzahl nur halb so schnell wie die Kameraden im Fahrwasser voran!

 

Im Tief vor FANØ war nicht viel los. Ein paar Wellen hier, ein paar dort. Wir hielten uns auf der nördlichen Seite in der (Kehr-)Strömung, die gegen die Tidenströmung lief. Kurz vor ESBJERG kreuzten wir das Fahrwasser und paddelten dicht an der Wattkante von FANØ entlang gegen die Strömung. Bei der Einfahrt nach NORDBY reichte es uns. Für diesen Morgen hatten wir erst einmal genug gepaddelt. Die Kajaks packten wir auf die Bootswagen und zogen sie 300 m übers Watt bis zu den Sandwiesen von FANØ. Sonnenpause mit Blick auf die nur 2 km entfernte Industrielandschaft von ESBJERG war angesagt. Jeder wurstelte vor sich hin. Manche holten den fehlenden Schlaf nach. Andere trockneten ihre morgentaudurchnässten Zelte. Die Mehrzahl machte eine Wanderung mit anschließender Besichtigung von NORDBY. Das Heimatmuseum soll sehenswert sein. Bei dem Sonnenschein suchten wir aber lieber die Veranda einer Kaffeestube auf.

 

Nach 4 Stunden "Zwangspause" gingen wir wieder aufs Wasser. Wir wollten kurz vor Hochwasser am Wattenhoch von FANØ sein, um dann beim Kippen der Tide mit der Strömung runter nach SØNDERHO zu paddeln. Die Durchfahrt zum Ort war nicht leicht zu finden. Versperrte uns doch der nicht enden wollende FUGLSAND den Weg. Leider war diesbezüglich die Seekarte nicht sehr informativ, zumindest dann nicht, wenn wir das erste Mal hier sind! Dennoch fanden wir den Anleger von SØNDERHO: ein kleine Sandauffahrt zum Ort, davor ein paar kleine Ruder- und Motorboote. Dass dieser Platz im Süden der Insel einst die Heimat von 74 Großseglern war, daran erinnerte einen nichts mehr. Nach einem selbstgemachten Abendbrot und dem obligatorischen Rundgang durch die Gässchen der alten Schifferstadt stiegen wir nochmals in unsere Kajaks und paddelten in die Abenddämmerung hinein. Bei der nicht weit vom Ort entfernt liegenden Wiese nahe den Dünen an der Südspitze der Insel schieden sich dann die "Geister". Von meiner "Traumübernachtung" draußen auf dem PETER-MEYERS-SAND wollten plötzlich drei von fünf Kameraden überhaupt nichts mehr wissen. "Nur Sand, Muscheln und Salzwasser, nein das haben wir nicht mehr nötig! ... Wir kommen morgen nach." Gesagt, gehandelt! Schon landeten sie an und holten Gepäck heraus. Wie gerne wäre ich mit ausgestiegen, wenn da nicht "meine" Sandbank gewesen wäre. Immerhin waren wir schon über 15 Stunden unterwegs.

 

Langsam paddelte ich mit dem mir verbliebenen Kameraden um die Südspitze von FANØ herum, immer den Pricken eines Priels entlang. Einst sollte dies hier ein mächtiger Gezeitenstrom gewesen sein, das GALGEDYB. Es strömte mit uns. Die ersten Sandbänke tauchten auf. Alles sah so flach hier aus, dass wir den Eindruck gewannen, als ob die Möwen hier auf Stelzen liefen. "Halten wir uns etwas links!" "Paddle zurück, ich sitze fest!" "Dort rechts sieht es trockener aus." "Da sitzen aber Seehunde!" "Las uns noch mal etwas nach links fahren." Doch die Sandbänke wurden nicht höher, blieben nass. Draußen an der Wattkante rauschte die Brandung. Wir verloren langsam den Überblick. Die Aussichten für eine "Traumübernachtung" wurden immer schlechter, zumal wir an diesem Wochenende Springtide hatten. "Morgen früh, so ab 4 Uhr, steht alles unter Wasser. Komm' las uns umkehren, zurück zu unseren Kameraden paddeln!"

 

Obwohl wir noch Vollmond haben müssten, schien er nicht. Es war stockdunkel. Von Pricke zu Pricke tasteten wir uns gegen die Strömung des versandeten, stark mäandrierenden GALGEDYB hinauf. Irgendwann war das Wasser weg. Per Bootswagen ging es weiter über den geriffelten Wattboden, im Pendelverkehr; denn der eine Bootswagen hatte zu kleine Räder. Nur mit Mühe fanden wir im Dunkeln das zurückgelassene Boot. Als wir es endlich entdeckten, suchten wir nun das zur Insel vorgebrachte Boot. Ja, es war wirklich dunkel! Kurz vor Mitternacht erreichten wir das „Camp“ der anderen. Über 20 Stunden war wir an diesem ersten Tag auf gewesen, über 75 km hatten wir dabei in unseren Kajaks zurückgelegt. Das reicht!

 

Samstag: Die Sonne ging auf. Die Kameraden schliefen noch. Ich nutzte die Zeit, um SØNDERHO im Morgenlicht zu besichtigen. Heute wollten wir bis an die Südspitze von RØMØ paddeln. Dort, auf Dänemarks größter Nordseeinsel, die um die Jahrhundertwende über 50 Jahre zu Deutschland gehörte, wollten wir für eine Nacht unser Lager  aufschlagen.

 

Mit dem letzten ablaufenden Wasser ging es "wiedervereint" in die Kajaks. Es gab viel zu erzählen und zu zeigen, was wir hier draußen in der letzten Nacht so erlebt und gesehen hatten. Dort vorne am Rand einer Sandbank lagerten wieder die Seehunde, da drüben am Spülsaum lag immer noch der tote Schweinswal. "Mensch, der Sand liegt doch hier hoch auf im Trocknen! Warum seid ihr denn nicht hier geblieben?" Wir beide antworteten nicht. "Schiss gehabt?" Wir schauten zum toten Schweinswal und nickten. "Ja, wir hatten Angst ... um euch; denn ihr hättet uns hier im Sandbanklabyrinth zwischen FANØ und MANDØ niemals gefunden."

 

Während es bis hierher eher ruhig verlief, immer mit der Strömung, sollte es von nun an spritzig vorangehen. Der Seegang über die vielen Untiefen tröstete uns darüber hinweg, dass die Strömung uns nicht mehr begleitete. Ein letztes Mal spürten wird noch einmal die Tide, wie sie uns im KNUDEDYB mit all den Wassermassen, die die letzte Flut hier zwischen ESBJERG und MANDØ hineintransportiert hatte, hinaus aufs Meer treiben wollte. Nördlich von RØMØ, in Höhe des JUVRE DYB, wollten wir Niedrigwasser, d.h. "Stillwasser", haben, damit uns die Strömung weder nach Westen noch nach Osten versetzt. Nach der Überquerung dieses Tiefs, welches das Watt zwischen MANDØ und RØMØ be-/entwässert, sollte dann erst einmal richtig Pause gemacht werden, und zwar auf dem RØMØ FLAK, einer Sandbank im Norden von RØMØ. Leider kam das Wasser schneller bzw. der Pausenplatz war flacher als geplant. Auf alle Fälle mussten wir wieder in unsere Kajaks, da der Sand unterging. Wer zu langsam gegessen hatte, wurde nicht satt!

 

Vor uns lagen nun die Brandungsketten von RØMØ. Der Wind nahm zu und schließlich auch der Seegang. Die Strömung lief wieder mit uns, auch wenn es kaum zu merken war. Zusätzlich kam der Wind etwas von achtern. Die Erfahreneren unter uns suchten die Brecher in der letzten Brandungszone, die anderen hielt Ausschau nach den Lücken vor dem Strand, wo es nicht mehr so brandete. Doch es gab kein entrinnen, denn wir hatten Hochwasser-Zeit. Irgendwann brandete es überall! Der Wind hatte auf 5-6 Bft. zugenommen. Die Surfer schienen zu fliegen! Die ersten Ausfälle waren zu verzeichnen. Erst machte einer schlapp, weil ihm einfach die Kraft fehlte, in seinem steuerlosen englischen Seekajak Kurs zu halten. Dann gab der nächste auf, weil das Steuer seines altersschwachen nordfriesischen Seekajaks schlapp machte. Auf RØMØ ist das aber nicht weiter schlimm: Anlanden, Bootswagen raus und am Strand entlang ziehen. Ein, zwei Kilometer später kamen dann auch die hartnäckigsten Paddler an Land. Die Südspitze der Insel war ohnehin fast erreicht. Gut 36 km hatten wir an diesem Tag zurückgelegt. Was genug ist, ist genug!

 

Zunächst einmal brachten wir unsere Kajaks in eine autoverkehrsfreie  Zone. Dann trödelte jeder so vor sich hin. Der Wind blies uns den von der Sonne getrockneten Sand um die Ohren. Wer was sagen wollte, musste nuscheln. Wer gegen den Wind pinkelte, bekam nasse Hände, und wer es mit dem Wind versuchte, wurde vom "Kehrwasser" geduscht! Abends schieden sich dann wieder die "Geister". Einige verzogen sich ins Hinterland, da sie den Sand nicht mochten. Unverständlich für mich, gehört doch der Sand zum Seekajakfahren, wie die Kälte zum Skifahren und das Schwitzen zum Wandern!

 

Sonntag: Der Wind war weg, die Wellen waren weg, die Autos waren  noch weg und der Sand lag wieder dort, wohin er gehörte. Als die ersten Autos am Strand auftauchten, ließen wir unsere Kajaks ins spiegelglatte Wasser. Bei Stillwasser überquerten wir das 3 km breite Tief zwischen RØMØ und SYLT. Gestern wären wir hier nie rübergekommen. Auf dem ELLENBOGEN warteten wir aufs auflaufende Wasser. Die letzten 19 km bis zur See-Schleuse von HØJER waren ein Klacks, .... wenn da nicht plötzlich "Tonne 14" gefehlt hätte. Die Kameraden wurden unruhig. Einige machten sich kurzzeitig selbständig, jeder mit einer anderen Landmarke als Ziel vor Augen. Das war aber nicht weiter überraschend; denn bei "Binnenseewetterbedingungen" unterscheidet sich auch der disziplinierteste Seekajakfahrer in keinem Deut von einem Binnenseepaddler!

 

(überarbeiteter Wiederabdruck aus: NORDIS, Nr.4/98)

 

Kurz-Infos: Von Varde nach Højer in 3 Tagen (ca.120km)

 

Gewässercharakteristik: Gezeitengewässer mit einem Tidenhub von 1,3 m bis 2,0 m (Seeschleuse Højer) und einer maximalen Strömungsgeschwindigkeit in den Tiefs zwischen den Inseln von 3,5 km/h bis 5,5 km/h (südlich von Rømø). Typische Wattenmeerlandschaft mit seinen vielen Inseln und Sandbänken zwischen denen bei Niedrigwasser, wenn 70% des dänischen Wattenmeeres trocken gefallen ist, die Gezeitenströme wie Flüsse entlang fließen und täglich etwa 1 Mrd. Tonnen Wasser hin und her transportieren.

 

Beste Zeit: Mitte Mai bis Mitte September.

 

Anreise: Anfahrt über die BAB Hamburg-Flensburg-Kolding (DK), dann Richtung Westen nach Esbjerg, kurz vorher Richtung Nord direkt nach Varde.

 

Start: Vom Südufer des Flusses Varde Å im Sportboothafen von Varde.

Ziel: Vidå-Seeschleuse, südwestlich von Højer (DK). Es empfiehlt sich, am Ende der Tour die Autos per Taxi zu holen (ca. 60 Euro). Tage vorher sollte mit dem einzigen Taxifahrer der Gegend (Tel. 045/74738119) Kontakt aufgenommen werden. An der See-Schleuse gibt es einen öffentlichen Münzfernsprecher, von dem wir aus dann endgültig das Taxi bestellen können.

 

Fahrtenplanung:

1.Tag: ca. 58km von Varde, durch die Ho Bugt, dann östlich an Fanø vorbei bis Sønderho (Südspitze Fanø); Startzeit: ca. 45 Min. vor Hochwasser (HW) Esbjerg (= 2:15 Std. nach HW Helgoland). Ca. 3 Std. nach HW Helgoland beginnt das Wasser an der Einmündung der Varde Ǻ in die Ho Bugt abzulaufen.

Hinweis: Das HW muss früh morgens liegen, sonst schaffen wir die Tour nicht in 3 Tagen! Am südlichen Ufer der Varde Ǻ einsetzen, dort auf der Wiese ist es u.U. (?) auch möglich zu biwakieren.

Übrigens, Hochwasserzeit am Wattenhoch von Fanø ist etwa identisch mit HW Esbjerg = 3 Std. nach HW Helgoland.

2. Tag: ca. 36km von Sønderho "off shore" bis Südspitze Rømø; Startzeit: ca. 3 Std. vor Niedrigwasser (NW) Knudedyb (Nordspitze Rømø) (= ca. 10 Min vor NW Helgoland). (Hinweis: Eine östliche Umfahrung der Inseln Mandø und Rømø ist aus Gründen des Naturschutzes nicht erlaubt!)

3. Tag: ca. 23km von Südspitze Rømø über Nordspitze Sylt bis Vidå-Seeschleuse Højer; Startzeit: ca. 1 Std. vor NW Nordspitze Sylt (= 40 Min. vor NW List West). Ankunft an der Seeschleuse (kurz vor der Schleuse am nördlichen Ufer aussetzen): ca. 3 Std. nach Start von Sylt aus. Das Telefonhaus steht hinterm Deich neben der Gaststätte.

 

Übernachtung:

Es gibt keinen Zeltplatz in Varde.

Der Zeltplatz in Sønderho (nördlich vom Ort) ist nur bei HW erreichbar.

Der Zeltplatz von Rømø (hinterm Strand etwa in Höhe des Dammes zum Festland) ist nur nach kilometerlangem Bootswagentransport erreichbar.

Letztlich bleibt uns nichts anderes übrig, als zu biwakieren. Um nicht negativ aufzufallen, sollten wir unser Biwak jedoch frühestens 1 Std. vor Sonnenuntergang aufbauen und am nächsten Tag 1 Std. nach Sonnenaufgang wieder abbauen.

 

Besonderheiten: Ab 4 Bft. Windstärke aus westlicher Richtung sollten nur brandungserfahrene Seekajakfahrer die zweite Tagesetappe wagen, da wegen Brandung und Grundseen der Salzwasserschwierigkeitsgrad schnell auf 3 und mehr ansteigen kann. Als Ausweichroute empfiehlt sich eine Fahrt zur Insel Mandø und dann am nächsten Tag weiter über die Mündung der Ribe Å nach Ribe. Per Zug können wir von dort über Esbjerg nach Varde gelangen und die Autos abholen (nicht vergessen, das Taxi abzubestellen!).

 

Gezeiten:

BSH: Aktuelle Gezeitenvorhersagen für ausgewählte Gebiete Deutschlands:

(7-Tage-Vorhersage für ausgewählte Orte)

è www.bsh.de/de/Meeresdaten/Vorhersagen/Gezeiten/index.jsp

 

Strömung:

BSH: Aktuelle Strömungsvorhersagen (von Fanö bis Sylt) (2-Tage-Vorhersage)

è www.bsh.de/aktdat/modell/stroemungen/db1/db1.htm

 

See-Wetterbericht: (z.B.)

Radio:

D-Radio (1269 bzw. 177 bzw. 6.005 kHz): 1.05 + 6.40 + 11.05 + 21.05 Uhr;

NDR 4 (702 kHz): 0.05 + 8.30 + 22.05 Uhr;

DK-Radio (243 bzw. 1062kHz): 5.45 + 8.45 + 11.45 + 17.45 +22.45Uhr (in Dänisch).

 

Telefon:

DWD-Seewetterbericht (48-Std.Prognose) (tägl. neu 9+21 Uhr): 0049(69)8056-2551

DWD-Telefon-Ansage für Nord-/Ostsee: 0049(40)6690-1209

DK-Met. Institut: (0045)38383663 (auch in Deutsch).

 

SWS-Abo-Dienst:

Die Anmeldung kann erfolgen über

è www.wetterwelt.de

è oder per Tel. 0431-5606668 (Mo-Fr 14-18 Uhr).

30 Abrufe kosten ca. 20,- Euro.

 

Internet:

è www.seewetter.de (Wetteronline.de)

 

Bücher/Karten:

J.Werner, Dänemark 1, 6.Aufl.2002, S..20-40.

O.Kofoed-Olsen, Törnführer Dänemark 3, Hamburg 1994, S.156-174.

K.Janke/B.P.Kremer, Düne, Strand und Wattenmeer. Tiere und Pflanzen unserer Küsten, Kosmos-Naturführer: Stuttgart 1993.

"(Danish) Waddensea - Portrait of a Wetland" (DIN A2-Faltblatt mit Kartenausschnitten zur Natur und Gewässer). Erhältlich für 15,-Dkr z.B. beim Touristenbüro von Ribe.

 

Seekarten: (erhältlich über: www.hansenautic.de )

1./2.Tag:

a) Deutsche Karte (1:130.000) Nr. D83 (Fanø Bugt und Horns Rev)

b) Dänische Karte (1:75.000) Nr. DK61 (bis Südspitze Fanø)

3. Tag:

a) Deutsche Karte (1:50.000) Nr. D108 (Sylt-Mitte bis Südspitze Rømø)

b) Dänische Karte (D1:75.000) Nr. DK60 (Fanø bis Sylt-Mitte)

 

Zur Orientierung an Land eignen sich die topographischen Karten "Danmark Topografisk Kort", Blad-Nr. 1111+12+13 (1:100.000) (wichtig, wenn wir die Tour abbrechen müssen und dann den geeignetsten Landweg suchen.).

 

Text: U.Beier – www.kanu.de/kueste/