13.02.2007 Solo-Querung Tasmanien – Neuseeland misslungen (Abenteuer)

 

Der 39jährige Australier Andrew McAuley hat es als erster Kanute – der Neuseeländer Paul Caffyn hatte es zweimal versucht und jeweils rechtzeitig abgebrochen - bei den widrigsten Wetterverhältnissen (bis knapp 9 Bft. Wind / über 40 kn) von Tasmanien aus geschafft, sich bis auf 75 km der neuseeländischen Küste (Milford Sound) zu nähern. Er startete am 11.1.07. Insgesamt legte er in 30 Paddeltagen ca. 1.525 km zurück. Dann brach nach einem kaum verständlichen Hilferuf am 9.02.07 der Funkkontakt ab. Am nächsten Tag konnte ein Rettungsflugzeug nur noch sein Kiel oben treibendes Seekajak sichten. Die sofort eingeleitete Suche nach ihm wurde nach 3 Tagen eingestellt.

 

Zur Person

 

Andrew ist kein „Draufgänger“, der aus einer Laune heraus, solch einer Querung in Angriff nimmt frei nach dem Motto „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“. Er hat hart dafür trainiert und zuvor unzählige Tages- und Nachttouren unternommen wohl wissend, dass er solch eine Querung nicht vorher im Training simulieren kann. U.a. hatte er 2003 solo die Bass Street, das ist jene wegen seines unberechenbaren Seegangs berüchtigte Meeresenge zwischen Australien und Tasmanien, gequert, und zwar Non-Stop 220 km in 35 Std. Auch hat er zusammen mit anderen den Carpentaria-Golf (ca. 500 km in 150 Std. / 6 Tagen) im Norden von Australien gequert (geschlafen wurde jedoch nicht in den Seekajaks).

 

Andrew handelte nicht unbedacht. Er wusste, auf was er sich dabei einließ. Immerhin war es sein 2. Versuch. Am 2.12.06 brach er nämlich das erste Mal Richtung der Südinsel von Neuseeland auf. Kehrte aber 4 Tage später wieder zurück nach Tasmanien, da er merkte, dass die Kälte in der Nacht beim Schlafen im Cockpit nicht auf Dauer erträglich war.

 

Vorgänger

 

Auf der Homepage des KANU VEREIN UNTERWESER wurde erstmals bei uns in Deutschland über den tragischen Ausgang dieser Solo-Querung durch die Tasman-See berichtet. Andrew paddelte im Gegensatz zu seinen berühmten Vorgängern in einem serienmäßigen Einer-Seekajak des australischen Seekajakproduzenten „Mirage“ (und zwar entweder das Modell 580 (580x55,5 cm) oder das Modell 530 (530x56 cm)).

 

Franz Romer querte bekanntlich 1928 in 58 Tagen den Atlantik von Ost nach West (Kanarische Inseln – Karibik) (ca. 4.800 km) in einem spezialgefertigten Faltboot (640x100 cm) (ausgerüstet mit einem Segel) und Hannes Lindemann (1956) in 72 Tagen in einem serienmäßigen Einer-Faltboot (520x87 cm) (ebenfalls ausgerüstet mit einem Segel).

 

Ed Gillet schaffte 1987 die ca. 3.900 km lange Strecke von Kalifornien nach Hawaii in 63 Tagen in einem serienmäßigen Zweier-Seekajak (auf halber Strecke ließ er sich von einem Drachen ziehen) und Peter Bray überwand 2000 den Atlantik von West nach Ost (Newfoundland – Irland) (ca. 3.300 km) in 74 Tagen in einem eigens dafür konstruiertem 823 cm langen Kabinenkajak mit Kielballast (?)

 

Ausrüstung

 

Natürlich hatte Andrew sein Seekajak etwas den zu erwartenden Bedingungen angepasst, um insbesondere in seinem Kajak schlafen zu können. Dafür konstruierte er extra eine Art Kabinendach aus Plastik. Dieses „glockenartige“ Gebilde lagerte tagsüber auf dem Achterdeck. Nachts und bei Sturm wurde es über den Süllrand gelegt.

 

Außerdem wurde sicherlich die Bugschottwand nach vorne verlagert bzw. ausgebaut, damit es ihm möglich war, im Liegen zu schlafen mit der Rückenlehne als „Kopfkissen“.

 

Damit er nicht auf dem kalten und nassen Boden seines Seekajaks liegt, hat er sich für den 2. Versuch eine Art Hängematte („Hammock“) ausgedacht. Zusätzlich hat er sich in einen Plastikschlafsack eingehüllt.

 

Das Kabinendach war übrigens mit einem E-Ventilator versehen, um für eine bessere Belüftung zu sorgen. Für die elektrische Versorgung dieses Ventilators, eines „Tracking Beacon“ (eine Seenotbake?), einer E-Lenzpumpe, der insgesamt 2 mitgeführten Satellitentelefone und 3 GPS-Geräten sorgten Solarzellen.

 

Alle diese Gerätschaften reagierten jedoch sehr empfindlich auf Feuchtigkeit. Bis auf die GPS-Gerät ist nach seinen ersten Kenterungen praktisch alles ausgefallen, und zwar seine Uhr, sein Beacon (der wahrscheinlich Dritten die Kursdaten übermittelte) sowie ein Satellitentelefon. Und auch beim zweiten Satellitentelefon gab es ganz zum Schluss Batterieprobleme.

 

Seinen Trinkwasserbedarf stillte er zunächst über einen 50-80 Liter fassenden Wasserbehälter. Zusätzlich verfügte er über eine Wasserentsalzungsanlage, und zwar den „Katadyn Survivor 35“, mit dem innerhalb von 15 Minuten 1 Liter Trinkwasser erzeugt werden konnte.

 

Die Hitze zur Erwärmung seiner portionierten Verpflegungspäckchen hat er auf chemischem Weg gewonnen (hier: Einer Chemikalie wurde Salzwasser zugegeben. Die dabei ausgelöste Reaktion erzeugte die benötigte Wärme.)

 

Eine Art Poncho, der wie eine Spritzdecke um den Süllrand gelegt werden konnte, sollte die Erledigung des „großen Geschäftes“ erleichtern.

 

Unterwegs …

 

Andrew berichtet auf seiner Homepage über die Vorbereitung. Außerdem wurde von Dritten eine Art Expeditions-Tagebuch geführt, in welchem die Infos hineingestellt wurden, die Andrew bei seinen täglichen Telefonberichten gab:

 

è www.andrewmcauley.com

 

Andrew paddelte mit der vorherrschenden Windrichtung von West nach Ost. Seine Tagesleistungen lagen je nach Windstärke zwischen 25 km und 80 km. Wenn es zu stürmisch wurde und nachts, legte er einen Treibanker aus.

 

Während der Tour kenterte er mehrere Male, und zwar nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht wenn er schlief (und zwar am 16./18./24.u.28.01.07, sowie letztlich am 9.02.07). Das Kabinendach sollte dafür sorgen, dass sich das Seekajak immer wieder selbst aufrichten konnte. Leider sind auf seiner Homepage keine Infos darüber bereitgestellt, wie das funktionieren sollte. Auch erfahren wir nichts darüber, wie er sich „gesichert“ hat, d.h.:

 

  • hat er sich in seinem Cockpit so festgeschnallt, dass er im Fall einer Kenterung nicht aus der Sitzluke geschleudert werden konnte;
  • bzw. hat er eine „Life-Line“ verwendet, die dafür sorgen soll, dass er bei einer Kenterung mit Ausstieg den Kontakt zu seinem Seekajak nicht verliert?

 

Seine letzte Kenterung erfolgt um 19 Uhr. In Höhe 45° südlicher Breite ist es dann Anfang Februar noch hell. Vermutlich war die Wucht der Kenterung so groß, dass er aus der Sitzluke geschleudert wurde. Dabei ging dann wohl auch das Kabinendach verloren. (Als später das unbeschädigte Seekajak gefunden wurde, fehlte zumindest das Kabinendach.) Es ist denkbar, dass er sofort nach der Kenterung mit Ausstieg den Griffhalt zu seinem Seekajak verloren hat bzw. dass ihm nach dem Ausstieg trotz Griffhalt einfach die Kraft & Geschicklichkeit zum Wiedereinstieg in die Sitzluke seines gefluteten Seekajaks fehlte. Irgendwann riss ihm dann wohl ein Brecher das Seekajak endgültig aus seinen Händen. Sein Seekajak wurde sofort am nächsten Tag von einem Rettungsflugzeug entdeckt und später von einem Schiff geborgen. Andrew selbst hat wohl keine Möglichkeit gehabt, auf sich aufmerksam zu machen; denn sein „Tracking Beacon“ (= Seenotbake) ist im gleich am 6. Tag bei seiner ersten Kenterung beschädigt worden.

 

Wie es Andrew unterwegs ergangen sein könnte, vermag sich wahrscheinlich keiner von uns vorstellen, außer er hat z.B. Hannes Lindemanns Buch „Allein über den Ozean“ (Edition Maritim, 3. Aufl. 1985, 182 S.) gelesen:

 

  • „30. u. 31. Tag: … Die Nacht bricht viel zu früh herein. Wenige Minuten später ist es pechschwarz. Aus der Finsternis glühen die zahlreichen Brecher gespenstisch auf. … die Nacht ist eine Qual. … Ich bin zerschlagen, ausgepumpt und leer, unendlich leer. Nur der Anblick der gewaltigen Seen reißt mich wieder hoch. Es ist die Angst, die mich wachtreibt, das Letzte aus mir herausholt. … Der Sturm heult, der Himmel ist grau … In Böen hat der Sturm neun und zehn Windstärken. Sobald der Platzregen nachlässt, türmen sich die Seen wieder – unbeeindruckt – acht bis zehn Meter hoch, und ab und zu sausen Riesenwogen vorbei, die fast doppelt so hoch sind. … Die meisten Brecher stoßen mich voran, überlaufen mich aber nur selten, wenn sie von achtern kommen. Zeitweise ist das Meer weiß vom peitschenden Regen, dann wieder von den Schaummassen der Brecher. … Wie ein Schießhund muss ich aufpassen, um nach jeder Berg- und Talfahrt den richtigen Kurs zu halten. Zwar fallen genügend querschlagende Seen über das kleine Boot her, aber immer hat es ausreichende Auftriebskraft, um schnell wieder aus den Schaummassen aufzutauchen. Mehrfach jagen gigantische Brecher von achtern heran, dreschen auf meine Schultern ein, schäumen weiter über das ganze Boot und stoppen erst zehn, zwanzig Meter davor. Wenn ich zurückblicke, wird mir elend zumute: da brechen sich Wassermassen, die ein ganzes Haus begraben können. … Ich komme mir vor wie in einem Rettungsring in Zigarrenform. … Nach langem Überlegen werfe ich dann doch den (Treibanker) achtern aus. Das Boot liegt schon nach wenigen Sekunden in bester Richtung. … die Spritzdecke ist weit über den Kopf gezogen. Nur das Gesicht und die Brust sind frei. … Da sprach plötzlich die Spritzdecke zu mir: „Komm, leg dich hin“ oder „Lass die andern auch etwas tun, du brauchst nicht alles allein zu machen.“ Mir kam das gar nicht fremd vor, erst Stunden später erinnerte ich mich, dass ich ja allein an Bord war. …“

 

  • „57. u. 59. Tag: … Plötzlich eine riesensteile Wand steuerbord --- nichts mehr – aus – leer – tot … Nein, ich lebe noch, schnappe nach Luft … Ich bin gekentert, bin im Wasser. Festhalten, damit dich nicht ein Brecher vom Boot trennt, geht es mir durch den Kopf.  … Ich ziehe mich auf das gekenterte Boot … Der Wind pfeift über den Rumpf, Brecher waschen über mich, es ist schaurig kalt, nur der Kopf ist warm. Ich habe eine Wollmütze auf und darüber noch eine Gummikapuze. Ist dies das Ende? ... Ich gebe nicht auf …. Ich schaue nach den Sternen. Mein Gott, der Orion ist ja noch nicht im Zenit, es ist noch nicht einmal Mitternacht. … Der Sturm lässt mich erfrieren, ich rutsche wieder ins Wasser … Jede Bewegung bringt das warme Wasser zwischen Haut und Kleidung in Bewegung und trägt kaltes Wasser an die Haut. Stillhalten, keine Bewegung, das ist die Lösung. Im Dunkeln kann man die kleinen Wellen nicht sehen, das Meer erscheint ruhiger. Aber die großen Seen werfen Schatten so gewaltig wie von Gebirgszügen, sie wollen mich verschlingen. … Backbords saust eine pfeifende See vorbei, für mehr als fünfzig Meter pfeift sie wie eine Schiedsrichterpfeife. …“

 

Zusammenfassung: U.Beier – www.kanu.de/kueste/

Links:

Homepage von Andrew McAuley (The Trans Tasman Kayak Expedition 2006)

è www.andrewmcauley:com

KVU-Bericht:

è http://kvu.der-norden.de/news/1303.shtml

„The Age“-Berichte (australische Zeitung): (Es sind nicht mehr alle Berichte abrufbar!)

è www.theage.com.au > Andrew McAuley

“The Sydney Morning Herald”-Bericht (australische Zeitung):

è http://www.smh.com.au/multimedia/national/mcauley/index.html

Seekajakproduzent “Mirage”:

è www.mirageseakayaks.com.au

A.McAuley: Bass Strait Crossing (200 km in 35 h) (2003)

è http://www.andrewmcauley.com/articles/Bass%20Strait%20direct%20-%20the%20story.pdf

P.Bray: North Atlantic Kayak Challenge 2000 (aus: Sea Kayaker, Febr. 02)

è www.seakayakermag.com/2002/02Feb/atlantic01.htm

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