26.02.2011 Traumtour: Split (Kroatien) nach Pescara (Italien) (Revier/Ausland)

 

Christian B hat im Forum von Kanu.de:

 

http://forum.kanu.de/showthread.php?t=4906

 

für die Querung der Adria eine Route von Split (Kroatien) nach Pescara (Italien) vorgeschlagen, die recht reizvoll ist. Ich habe sie mir mal bei Google-Earth angeschaut:

 

  • Split (Kroatien) – Insel Brac (20 km) – Insel Hvar (21 km) – Insel Susac (45 km) – Insel Palagnuza (45 km) – Insel Pianoza (46 km) – Insel Treniti (23 km) – Termoli (Italien) (43 km) – Prescara (80 km) = ca. 330 km.

 

Traumhaft. Es gibt dort vier Inseln, die weit draußen zwischen Kroatien und Italien liegen, und zwar jeweils im Abstand von ca. 45 km, die es einem ermöglichen, die ca. 200 km lange Off-Shore-Strecke „inselhüpfenderweise“ jeweils am Tag zu überwinden. Da bietet es sich für einen leistungsfähigen Kanuten regelrecht an, diese „Traumroute“ mal auszuleben.

 

Diese Route ist bei Weitem mit einem Seekajak „realisierbarer“ als jene Ende Juli 2006 von den italienischen Outrigger-Fahrern (OC 6) weiter nördlich gewählte Route:

 

  • von Veli Rat (Kroatien) nach Numana/Ancona (Italien) (ca. 120 km ohne Inselstopp)

Non-Stopp in 12 Stunden mit Motorbootbegleitung,

wobei jede Stunde 3 von 6 Leuten (aus 9 Leuten) ausgetauscht wurden.

 

Voraussetzung ist jedoch, dass ein solcher Off-Shore-Paddler durch und durch seetüchtig ist:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seetuechtigkeit.pdf

 

Wer so etwas in Angriff nimmt, muss natürlich solch eine Tour schon selber planen können. Dritte können einem da nicht viel sagen, außer dass es sich um eine Tour handelt, bei der es nicht auszuschließen ist, dass man – wenn das Wetter nicht so will, wie man es möchte –  dabei die höchsten Gewässerschwierigkeiten erleben kann. 5 Meter hohe Wellen mit leicht brechenden Kämmen sollen dort draußen keine Seltenheit sein.

 

Auf solche Wetter- und somit Gewässerbedingungen muss man bei einer derartigen Tour schon vorbereitet sein. Wer diese Bedingungen (= Brecher von vorn, von der Seite, von achtern) dann das erste Mal dort draußen zwischen Kroatien und Italien erlebt, ist noch nicht reif für diese Querung. Und wer sich auf eine solche Tour erst zwei Monate vorher konditionell vorbereitet, sollte die Tour auf später verschieben. Marathonläufer trainieren doch schon ein ganzes Jahr lang vorher für ihren 42-km-Lauf, dabei haben sie nur etwas Zeit zu verlieren!? Was spricht dagegen, wenn ein Off-Shore-Paddler der u.U. innerhalb von 7 Tagen 4 Marathons und 3 Halb-Marathons paddelnderweise hinter sich bringen muss, sich auf vergleichbare Weise fit macht, zumal er mehr nur als etwas Zeit verlieren kann, nämlich sein Leben!

 

Insgesamt vier 45-km-Off-Shore-Etappen auf fast stehendem – nicht wie bei einer Helgolandtour auf strömendem - Gewässer sind zu paddeln. Das bedeutet mit Pausen 9 Stunden unterwegs zu sein. Bei 3 Bft. Gegenwind können es dann auch 11-12 Std. werden, und bis man schließlich im Felsengewirr der ersten beiden Inseln einen brandungsfreien und „felsglatten“ Landeplatz gefunden hat, vergeht nochmals 1 Stunde. Und bei 5 Bft. Gegenwind wird man wohl spätestens nach 2 Std. nur noch auf der Stelle paddeln. Man ist daher gut beraten, damit zu rechnen, auch mal bis in die Dunkelheit hinein zu paddeln oder die Nacht durchzupaddeln (vielleicht auch deshalb, weil plötzlich dort draußen endlich mal „Ententeichbedingungen“ herrschen, die man nicht verschlafen möchte):

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Bft-Skala.pdf

 

Ach ja, schon 3 Bft. Gegenwind, und das 11-12 Std., halte ich bei einer 45-km-Querung für kritisch. Und bei einem seitlichen bzw. achterlichen Wind ab 3 Bft. möchte ich unterwegs nach Italien nicht in einem Skeg-Kajak sitzen und ab 4 Bft. achterlichen Wind hätte ich bei einem Steuer-Kajak immer Angst, dass irgendein Teil der Steueranlage das nicht stundenlang aushalten könnte.

 

Selbstverständlich muss die Rolle auch bei extremen Bedingungen sitzen und „Reentry & Roll“ auch (als einzige effiziente Wiedereinstiegsmethode nach einer Kenterung mit anschließendem Ausstieg). Das gilt erst recht, wenn man im April dort unterwegs sein will; denn die Wassertemperaturen werden dann noch unter +15° C liegen.

 

Aber das reicht noch nicht: Ein GPS-Gerät, wasserdicht verpackt,  mit einer Menge Ersatzbatterien, ist Voraussetzung dafür, dass man die angepeilten Inseln (auch bei diesigem Wetter) findet, und u.a. eine Seenotbake:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seenotsender-Geräte.pdf

 

dass man im Seenotfall selber auch gefunden wird. Und wer nach einer Kenterung sein Seekajak schon mal verloren hat, wird sicherlich auch raten, sich bei einer solchen Solo-Tour mit einer „Life-Line“ an seinem Seekajak zu sichern:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Life-Line.pdf

 

Wenn das alles zutrifft …. und noch manches mehr:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Solotouren.pdf

 

kann ein Dritter einem eigentlich nur noch sagen:

 

  • dass gerade zwischen den Inseln Palagnoza und Pianosa sechs verschiedene Fährlinien queren. Da muss man schon in der Lage sein, den Steuermann eines auf Kollisionskurs befindlichem Fährschiff auf sich aufmerksam zu machen (z.B. per UKW-Sprechfunk bzw. mit einer weißen Rauchfackel);
  • auf welchen Inseln u.U. das Anlanden (z.B. aus Naturschutzgründen) verboten ist;
  • wo man auf den Inseln gut anlanden und sicher bei Sturm biwakieren kann;
  • und ob man von jeder Insel aus Handy-Empfang hat.

 

Dass mit dem Biwakieren wird sicherlich einem Solo-Paddler keine großen Probleme bereiten, obwohl ich vermute, dass zumindest auf der Insel Susac das Anlanden nicht so einfach sein wird (die Fotos bei Google-Earth geben hierüber Auskunft). Ein fehlender Handy-Empfang (zumindest auf den Inseln Susac und Palagnoza(?)) könnte jedoch schon Folgen haben; denn wie soll man sonst an den Wetterbericht kommen? Entweder über Handy z.B. per SMS-Abo (siehe www.wetterwelt.de ) oder per Kurzwellen-Radio (aber sendet Radio Österreich immer noch den Seewetterbericht für diese Region, und wann)?

 

Apropos Wind, in dem Buch von J.Rigo: Die Winde des Mittelmeers (2009), ist hierzu u.a. Folgendes über die Adria zu lesen:

 

  • Es gibt dort zwei vorherrschende Windrichtungen. Im Sommer, so von Mai bis Ende September) weht ein Nordwestwind (Maistro), der mittags 5 bis 6 Bft. erreichen kann und abends sich legt. Ab Oktober dreht der Wind auf Südost (Jugo/Schirokko) und kann bis zu 4-6 Bft. erreichen.
  • Im Juni/Juli herrschen mit 13 % bzw. 12% die meisten Windstillen.
  • Ansonsten kommt der Wind selten aus gleich bleibender Richtung.

 

In der YACHT, Nr. 3/11, wird über den Wind vor der kroatischen Küste Folgendes berichtet:

 

·         Sommer: Thermisches Leichtwindrevier (3-4 Bft.), das vom Mistral aus Nordwest bestimmt wird; abends Flaute;

·         Bora-Risiko: aus N – NO;

·         Frühjahr und Herbst: Bora- und Jugo(Schirokko)-Phasen (mit Sturmstärke) werden häufiger.

 

Im Buch „Seewetter“ (hrsg. v. Seewetteramt) kann man lesen,

 

  • dass im April an 2 Tagen im Monat mit der Bora zu rechnen ist:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Bora.pdf

 

Und bei Windfinder.com gibt es eine Wind- und Temperaturstatik von der weit draußen vor der kroatischen Küste liegenden Insel Vis, die Daten liefert, die repräsentativ für den Off-Shore-Bereich sein dürfte:

 

http://de.windfinder.com/windstats/windstatistic_vis.htm

 

Ja, das wär’s. Wenn’s Wetter stimmt, wird’s klappen, vielleicht sogar unter 14 Tagen …. Nun, und wenn man selber an seinem eigenen Leistungsvermögen zweifelt oder am Wetter verzweifelt, wird man es sicherlich schon nach der ersten großen Off-Shore-Passage nach Susac merken und kann dann immer noch ’rüber machen zur 25 km im Osten liegenden bewohnten Insel Lastovo und anschließend von dort aus über die Inseln Korcula, Hvar und Brac zurück nach Split eine Route paddeln (ca. 300 km), die sicherlich nicht minder traumhaft ist. Aber auch dort kann man nicht nur im April Probleme mit dem Wind, dem Seegang und – im Falle einer Kenterung – mit der Wassertemperatur (unter +15° C im April) bekommen.

 

Text: Udo Beier