13.04.2012 Nachtfahrt: Hohe Dünung macht Anlanden unmöglich –Freyas 227./228. Fahrtentag (Revier/Ausland)

 

Freya’s 227. Fahrtentag begann schwachwindig, wellig, regnerisch, vor allem aber neblig, und endete mit schwachwindig, wellig. regnerisch & diesig. Erst zwang der Nebel, der über der Bahia Nihue lag, zu einem Spätstart (11.20 Uhr) und später machte die Dünung ein Anlanden unmöglich. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als das dritte Mal während ihrer Südamerikaumrundung die Nacht „durchzumachen“, d.h. weiter zu paddeln bis zum 135 km entfernt liegenden Fischerort Quidico.

 

Mit Starthilfe durch die Brandung

 

Bis zum nächsten Tag sollte die Dünung max. 2 m betragen, dann aber für 3 Tage wieder auf über 4 m ansteigen. Wenn sie jetzt nicht aufs Wasser ging, bedeutet das u.U., in der Bahia Nihue 5 Tage lang zu pausieren. Ein Local gab ihr Starthilfe durch die Dumpers. Dann paddelte sie los, ohne zunächst zu ahnen, dass es dieses Mal wieder eine Tag-und-Nacht-und-Tag-Fahrt werden würde. Aber die Dünung nahm zu und die Küste war die nächsten hundert Kilometer ungeschützt der Brandung ausgesetzt.

 

Recht bald wurde ihr unterwegs bewusst, dass sie an diesem Tag etwas unvorbereitet gestartet war. Sie hatte wohl genug Trinkwasser und Äpfel griffbereit verstaut. Es fehlte ihr aber eine Jacke, die sie über ihren Trocki ziehen könnte, sofern es die nächste Nacht kälter werden würde. Notfalls müsste sie halt unterwegs auf dem Wasser ihre Sitzluke verlassen, vorsichtig aufs Vorderdeck krabbeln, den Buglukendeckel öffnen und dort den ganz oben verstauten Kälte-/Wind- & Windschutz herauskramen, bevor sie dann wieder retour zur Sitzluke robbte!?

 

Abenddämmerung

 

Ansonsten war sie guten Mutes, Nachtfahrten waren doch nichts Neues für sie. Lediglich das ewige Donnern & Grollen der an der Küste anbrandenden Dünung nervte und veranlasste sie, in etwas weiterem Abstand vom Spülsaum zu paddeln. Um 19.30 Uhr war Sonnenuntergang, da hatte sie 41 km „abgespult“. Das „Licht“ ging aus und es wurde dunkel. Zum Glück leuchteten einige Stunden lang ein paar tausend Sterne am Himmel inkl. 3 Sternschnuppen und ein paar Lampen entlang der Küste wiesen ihr immer mal wieder den Weg über das „bioluminizierende“ Wasser vorbei an Puerto Saavedra.

 

Der Mond ging am 228. Fahrtentag um 0.48 Uhr auf. 75 km hatte sie bis dahin auf dem „Tacho“. Es war nahezu windstill. Nur wenn sie ab und an die Dünung herunter surfen konnte, verspürte sie etwas Wind, nämlich Fahrtwind! Es wurde kalt, also Zeit (?) die Feststoffschwimmweste überzuziehen! Sie wurde müde, aber mehr, als für ein paar Sekunden einzunicken, durfte sie sich in Anbetracht der rechts neben ihr von Brechern umspülten, tosenden Felsküste nicht leisten.

 

Morgendämmerung

 

Bei Sonnenaufgang um 8.18 Uhr lagen noch 20 km vor ihr. Freya fuhr an Tirua vorbei, ohne eine geschützte Strandecke zu entdecken. Nach insgesamt 127 km erreichte sie schließlich um 12.10 Uhr in Quidico.

 

Inmitten von 4-5 m hoher, aufsteilender, aufbäumender, unter ihr durchrauschender Dünung suchte Freya nach einer vor Brechern geschützten Anlandestelle. Vergeblich, überall donnerten die Brecher auf den mit Steinen übersäten Strand.

 

Da war sie nun über 24 Stunden durchgepaddelt, um an einem Strandabschnitt anzulanden, der laut Google geschützt hinter einer Felsnase lag und nun das: Die Dünung lief einfach um die Landzunge herum, um dann vor dem Strand weiß aufschäumend zu explodieren. Sollte sie es wagen, da durch zu surfen, wie an ihrem 222. Fahrtentag, als es galt, die fünf Brecherketten von Rada Ranu zu überwinden. Gleich die erste ließ sie kentern. Erst im zweiten Versuch gelang die Rolle. Dann rauschte schon die nächste Brecherkette heran und kenterte sie erneut. Über 7 Stunden war sie an jenem Tag ohne Landgang unterwegs gewesen. Knapp 7 Stunden davon war sie seekrank und kam nicht dazu, Nahrung aufzunehmen. Da ist es kein Wunder, dass sie sich nach der zweiten Kenterung zu schwach fühlte, um erneut hoch zu rollen. Alle ihre Rollfertigkeiten (immerhin beherrscht sie über 30 Varianten der Greenlandrolle) nutzten nichts. Sie musste aussteigen und sich von den Brechern zum Spülsaum hin treiben lassen.

 

Ja, was sollte sie jetzt vor Quidico, 200-300 m vor ihrem Ziel, tun. Quidico war eine Fischersiedlung, aber wo lag die Anlandestelle der Fischersleute? Sie erinnerte sich an ihre Australienumrundung. An der Westküste paddelte sie damals entlang des ca. 200 km langen und bis zu 250 m hohe Zuytdorp Cliffs. Zwischenstopps wäre damals nur bei „Ententeichbedingungen“ möglich gewesen … aber es wehte mit 5-6 Bft. in Böen 8 Bft. und die anrollende Dünung tat ihr Übriges, damit ja keiner auf die Idee käme, dort durch die weiß aufgewühlte, tosende See anzulanden. 32,5 Stunden war sie damals non-stopp unterwegs gewesen. Die einzige Anlandemöglichkeit bot damals eine Flussmündung, vor der jedoch besonders viele Untiefen lagen. Wo aber Untiefen sind, da sind bei auflandigem Wind und anrollender Dünung auch Grundseen, und wo Grundseen sind, gibt es Wellen aller Größen- & Gefahrenklassen.

 

Unsereiner hätte da nicht mehr weiter gewusst, aber auch nicht weiter paddeln können; denn wenn die Kräfte erschöpft sind, ist an eine kontrollierte Weiterfahrt nicht mehr zu denken. Aber Freya wäre nicht Freya, wenn sie solch eine Situation in Not gebracht hätte. „Ich weiß und kann immer noch weiter …“ hat sie mir mal voller Überzeugung anvertraut. In der Zwischenzeit glaube ich das sogar! Dank ihres im Internet zugänglichen Blogs: http://freyahoffmeister.com/freyas-blog/ hat sie eine große Anhängerschaft „platonischer“ Freunde gewinnen können, die mit fiebern, wie sie tagtäglich sich mit ihrem Seekajak „durchkämpft“. Da ist es dann kein Wunder, wenn sich plötzlich in einer brenzligen Situation einer ihrer „Anhänger“ als ihr „Schutzengel“ erweist. Das passierte auch am Ende des Zuytdorp Cliffs; denn auf einmal tauchte doch ein Local mit einem Surfski vor ihr auf und führte sie durch die Dumpers & Kaventsmänner ans sichere Land!

 

Götterdämmerung

 

Vielleicht könnte sie ja per UKW-Sprechfunk ein paar einheimische Fischer um Rat fragen. Als sie ihr Funkgerät herausholte preschte plötzlich ein kleines offenes Fischerboot mit voller Fahrt und großen Luftsprüngen (!!) durch und über die Dünung auf sie zu. Drei junge B-Engel, wahre Teufelskerle, fühlten sich in der hoch auftürmenden, als Brecher endenden Dünung wie zu Hause. Die Navy hatte sie alarmiert und Freya’s Ankunft angekündigt inkl. ihren - eigentlich nur beim Anblick der Sternschnuppen geäußerten - Wunsch, durch die Dünung ans sichere Land eskortiert zu werden. Nun gingen sie längsseit, nahmen erst Freya an Bord und dann nach einigen Problemen auch ihr schweres Seekajak, obwohl das Fischerboot nur wenig länger war als Freyas Boot und kaum mehr Freibord hatte, und motorten mit viel Fingerspitzengefühl im Gleichschritt mit der Dünung, sich stets zwischen zwei Brechern haltend, zurück in eine etwas geschützter gelegene Bucht.

 

Am Strand standen an die 15 Leute, die nur darauf warteten, ihr Seekajak aus dem Wasser zu holen und hinauf ins Trockene zu tragen. Ja, alle Leute waren happy …. und Freya natürlich auch. Ende gut alles gut! Die Strapazen der Non-Stopp-Tag-und-Nacht-Fahrt haben sich doch noch für sie gelohnt …. zumal die Locals ihr eine heiße Dusche inkl. Wäschewasch-Service anboten. Dann kehrte sie todmüde in ihr Zelt zurück, das sie am Strand zwischen Sonnenschirmen aufgebaut hatte. Aber Schlaf fand sie kaum; denn zum einen knallte die Sonne brennend heiß auf ihr - von keinem Tarp geschütztes - Zelt und zum anderen kamen immer mal wieder Leute vorbei, die sie sprechen wollten. Schließlich tauchten zwei deutsch sprechende „Engel“ namens Gina & Cecilia auf, die Freya einluden, in ihrem Haus zu übernachten.

 

Nach der Landung ist vor dem Start

 

Am 229. Fahrtentag legte Freya erst mal eine 44stündige Zwangspause ein, um ihre Kräfte zu regenerieren. Ob weitere Ruhetage folgen werden, hing von der anrollenden Dünung ab, denn die nun folgenden drei Tagesetappen bis zu ihrem nächsten großen Ziel Talcaguano, werden sie erneut besonders fordern. An allen drei Tagen könnte sie mit großer Wahrscheinlichkeit sicher anlanden. Aber die erste Etappe bis Lebu wäre ca. 75 km lang – was bedeuten würde, dass sie entweder im Dunkeln starten oder im Dunkeln anlanden müsste! Bei der zweiten Etappe bis zur Caleta Trana käme sie auf knapp 60 km und bei der dritten bis zur Caleta Plaga Blance nochmals auf etwa 60 km. Aber ihr Ziel wird sie deswegen nicht aus den Augen verlieren:

 

 

Das Ende ihrer ca. 7.650 km langen 1. Rund-Südamerika-Etappe werden wir wohl in der 18. Kalenderwoche erleben (30.4.-6.5.12)!?

 

Nachtrag: Am 231. Fahrtentag startete Freya um 8.30 Uhr per „Fischer-Taxi-Boot“ durch die Brandungskette und landete am nächsten Tag kurz nach Mitternacht (0.55 Uhr) im Hafen von Lebu an. 79,3 km hatte sie zurückgelegt, zum Schluss in Begleitung der Navy. Am 232. Fahrtentag schaffte sie auch die nächste 57 km lange Passage bis Caleta Trana. … Und am 240. Fahrtentag hieß es: „Same procedure as Day # 228!“ Freya wollte in die Flussmündung des Rio Maule paddeln und in Constitucion anlanden. Untiefen und die damit einhergehende Grundsee hinderten sie aber an der Durchfahrt. Da sah sie ein Auto der Navy am Ufer entlang fahren. Man erwartete sie wohl schon an Land. Sie zückte ihr UKW-Sprechfunkgerät und bat darum, vom Wasser geholt zu werden. 15 Minuten später sprintete durch die Brandung mehr fliegend als schwimmend ein Fischerboot, ihr „Taxi“, zu ihr hinaus …. und alles lief so ab wie damals vor Quidico!

 

Text: U.Beier

Wiederabdruck: KANU-SPORT, Nr. 5/12, S.24-25 – www.kanu.de

Links:

http://freyahoffmeister.com/2012/04/15/thu-1204-2012-day-227/

http://freyahoffmeister.com/2012/04/15/fri-1304-2012-day-228/

http://freyahoffmeister.com/2012/04/17/mon-1704-2012-day-232/

http://freyahoffmeister.com/2012/04/26/wed-2504-2012-day-240/

 

Fotos:

 

Fotos: Die Fischersleute von Quidico und ihre Boote:

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage7Chile4#5732437871854215218

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage7Chile4#5732438455149716034

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage7Chile4#5731651806541274258

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage7Chile4#5731651784083975650

 

Foto: Unterwegs (Punta Puga)

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage7Chile4#5731644543568360258

 

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Fotos: Schnappschüsse (Porträts)

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage5Chile2#5703927779625571026

 

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage3Argentina3#5680903705338870866

 

Foto: Erschöpft, ausgelaugt und leer (Trockenanzug)

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage2Argentina2#5663786526993132546

 

Foto: Solo unterwegs

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage4Chile1#5696565534473949650

 

Foto: Steilküste bei Ententeichbedingungen

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/SouthAmericaSection1Stage3Argentina3#5696503598117505490

 

Fotoserie: Immer wieder dasselbe: Ab durch die Brandung mit Hilfe Dritter möglich! (z.B. Neuseeland)

https://picasaweb.google.com/112133179186774955122/FreyaPaddlingASelectionFromTheOtherAlbums#5605043251759197010