24.05.2004 Naturverträglicher Wassersport im Greifswalder Bodden und Strelasund (Revier/Inland)

 

Das Gebiet um den Greifswalder Bodden und Strelasund wird im Norden durch die Insel Rügen, im Süden durch die vorpommersche Festlandküste sowie den nördlichen Teil der Insel Usedom begrenzt. Im östlichen Bereich besteht über die Boddenrandschwelle eine Öffnung zur Ostsee. Es bietet eine vielseitige Naturlandschaft: Sandstrände, Steilufer, Kliffkanten, Schilfgürtel, Blocksteinfelder im flachen Wasser, Seegraswiesen und Buchten. Die unterschiedlichen Wassertiefen sowie der relativ geringe Salzgehalt im Brackwasserbereich ermöglichen einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt ein Zuhause.

 

Tiere & Menschen

 

Zahlreiche Zugvögel aus Skandinavien und Osteuropa machen hier Halt. Seeadler, Kraniche, große Gänseschwärme, Meeresenten und viele Arten  von Watvögeln finden sich zum Überwintern oder zur Rast im Frühjahr, Sommer und Herbst in diesem Gebiet ein. Hier tanken sie Energie auf zum Flug von und in die Brutgebiete in Nordeuropa bzw. die Überwinterungsgebiete in Südeuropa bzw. Afrika. Während der Mauserzeit im Sommer nutzen die teilweise flugunfähigen Vögel diese Boddenlandschaft als Mausergebiet. Darüber hinaus dienen insbesondere Inseln, Halbinseln und Salzwiesenbereiche als Brutgebiete verschiedener Vogelarten.

 

Aufgrund seiner besonderen Rolle für den internationalen Vogelzug sind der Greifswalder Bodden und Strelasund zum europäischen Vogelschutzgebiet ernannt worden und sind somit Teil des europäischen Netzes Natura 2000. Des Weiteren ist die 749 qkm große Fläche mit einer Küstenlinienlänge von 162 km in die Vorschlagsliste der Baltic Sea Protected Area aufgenommen worden.

 

Zugleich ist dieses Gebiet ein Eldorado für Wassersportler. Sein lagunenartiger Charakter macht dieses Wassersportrevier besonders für Kanuten interessant. Navigatorisch einfach zu befahren, frei von starken Strömungen und mit vielen Häfen und Ortschaften bietet der Bodden beste Bedingungen. Abhängig von der Windrichtung gibt es geschützte Pausenplätze.

 

Leider haben die mit den sportlichen Aktivitäten verbundenen Störungen zugenommen. Manche Wassersportler schädigen die Natur aus reiner Unkenntnis. Mit Verboten allein lässt sich das nicht verhindern. Der WWF ist daher der Auffassung, dass wirkungsvoller Naturschutz nur gemeinsam mit den Nutzern, und nicht gegen sie, möglich ist. Er greift damit die Anregung von § 3 Abs. 2 des Landesnaturschutzgesetz Mecklenburg-Vorpommern auf, wonach die eigenverantwortliche Verwirklichung von Maßnahmen des Naturschutzes durch die Nutzer gesetzlichen Regelungen vorgezogen werden sollte.

 

Kooperation statt Konfrontation

 

Zusammen mit den unterschiedlichen Nutzergruppen des Greifswalder Bodden und Strelasund (hier: Segler, Surfer, Kanuten, Ruderer; Angler; aber auch Betreiber von Segelschulen und Sportboothäfen) hat der WWF Schutz- und Nutzungskonzepte erarbeitet, die dann von allen Parteien nicht nur – in der Form einer Selbstverpflichtung - verbindlich vereinbart, sondern auch gemeinsam umgesetzt werden. Schon im Jahr 2002 wurden die ersten Weichen zur Kooperation gestellt. Die ersten Anfang 2004 vorgelegten Lösungsansätze können sich sehen lassen:

 

 

Information & Kontrolle

 

Gemeinsam wurde mit allen Betroffenen ein System zur Information aller Wassersportler („Naturinformationssystem“) konzipiert und eingerichtet. Dazu gehören:

 

 

Weiterhin sind alle Mitglieder der beteiligten Vereine angehalten, auch nicht vereinszugehörigen Wassersportlern die Inhalte der Vereinbarungen zu vermitteln.

 

Zusätzlich wird in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Nutzergruppen eine ehrenamtliche Gebietsbetreuung zur Überwachung der geschlossenen Vereinbarungen durchgeführt.

 

Erste Ergebnisse

 

Am 21.02.04 wurden die ersten konkreten freiwilligen Regionalvereinbarungen zwischen Wassersport- und Anglerverbände, WWF und dem Umweltministeriums von Mecklenburg Vorpommern unterzeichnet, und zwar für die Region Greifswald, die sich von der Insel Riems bis Lubmin Seebrücke erstreckt. Weitere Regionen werden in Kürze folgen, und zwar für den Bereich Harving (Südost-Rügen), Wolgast und Strelasund/Zudar.

 

Die Ergebnisse, die die Kanuten betreffen, die entlang der Greifswalder Region paddeln, lassen sich allgemein wie folgt skizzieren:

 

Sollte wegen heftiger Winde die eine oder andere Route nicht befahrbar sein, sind Ausweichsrouten durch sensiblere Gebiete vorgesehen, um eine Gefährdung der Kanuten auszuschließen.

Übrigens, die einzelnen Routen sind so zu verstehen, dass ihre Begrenzung zur Küste hin möglichst einzuhalten ist, während die Begrenzung zur Seeseite hin offen ist. Wer entsprechend seetüchtig ist, kann folglich seeseitig die Route verlassen.

Ansonsten wäre zu hoffen, dass wenigstens die Eckpunkte der Schutzgebiete durch entsprechende Seezeichen markiert werden, damit auch der weniger informierte, aber naturbewusste Kanute die Möglichkeit hat, sich unterwegs auf dem Wasser zu orientieren. Aus Kostengründen muss jedoch auf solch eine Kennzeichnung verzichtet werden. Abgesehen davon ist aber eine solche Kennzeichnung nicht wirklich zwingend erforderlich, da es sich bei den Gebieten, die nicht befahren werden sollten überwiegend um Flachwasserbereiche (meist mit Schilfbewuchs) (max. 2 m tief) oder kleineren Inseln handeln, die als solche deutlich erkennbar sind, so dass es eigentliche keine Problem geben dürfte, den Verlauf der Grenzen zu bestimmen. Wer bei seiner Tour im Zweifel ist, braucht nur mit seinem Paddel zu „loten“.

 

Konkrete Vereinbarungen

 

Näheres hierzu kann aus dem Internet abgerufen werden. Eine Kartenübersicht mit den Grenzen der entsprechende Schutzbereich, den empfohlenen Kanurouten und „Trittsteinen“ findet man direkt unter:

 

www.wassersport-im-bodden.de/ergebnis/kanuten.htm

 

1. Innere Gristower Wiek:

Der innere Bereich der Wiek ist im Winter Rastgebiet für Pfeifenten und Zwergsäger und im Frühjahr Brutgebiet. Er wird daher in der Zeit vom 1.01.-31.05 nicht befahren. In der übrigen Zeit wird größtmöglicher Abstand vom Schilfgürtel eingehalten.

Eine Befahrung für Kanuten ist jedoch im Sommer nicht empfehlenswert, da er sehr verkrautet ist.

 

2. Schilfgürtel, alle Inseln und Randbereiche der Gristower Wiek:

Diese Gebiete sind u.a. wichtige Brutplätze für z.B. Flussseeschwalbe, Reiher-, Schnatterente, Brandgans und Mittelsäger. An den Inseln wird daher nicht angelandet. Außerdem wir größtmöglicher Abstand von den Schilfgürteln gehalten. Sofern nicht die Fahrwasser zu den Häfen dichter an den Schilfgürteln vorbeilaufen, macht man nichts falsch, wenn man ca. 100 m Abstand zum Schilfgürtel hält.

Getreu des Mottos „Not geht vor Gebot!“ ist es jedoch Kanuten erlaubt, dichter unter Land zu fahren, wenn Wind bzw. Seegang dies erfordern.

„Trittsteine“ befinden sich u.a. auf der Insel Riems (auf der Nord- und Südseite), in Gristow und Frätow.

 

3. Kooser Bucht und Flachwassergebiete um den Kooser Haken:

Die Flachwasserbereiche (begrenzt durch die 2-m-Tiefenlinie) um den Kooser Haken werden in der Zeit vom 1.10.-30.04 nicht befahren, um die Rast u.a. der Belß- und Saatgänse, Tauch-, Berg-, Pfeif- und Reiherenten, Gänse- und Zwergsäger nicht zu beeinträchtigen.

Eine Ausnahme gilt für Kanuten. Sie können, wenn die Sicherheit es erfordert (starker Wind aus nördlichen Richtungen) schnellstmöglich und ohne unterwegs anzulanden die Beek durchfahren, welche die Insel Koos von den Karrendorfer Wiesen trennt.

Dieses Gebiet wird von Kanuten befahren, wenn sie vom Gristower Wiek aus Greifswald paddeln.

 

4. Kooser See:

Der Kooser See ist Nahrungs- und Schlafgewässer sowie Rastgebiet für Schwäne, Taucher, Enten und Gänse. Er wird daher nicht befahren.

Eine Ausnahmeregelung gibt es für Kanuten, damit sie bei kritischen Wetterbedingungen (siehe 3.) auf die Beek ausweichen können.

Ansonsten ist der Kooser See Naturschutzgebiet und wurde von Kanuten auch bislang nicht befahren.

 

5. Wampener Riff bis Greifswald:

In der Zeit vom 1.06.-30.04 sollte das Wampener Riff nicht befahren werden, da es inkl. der übrigen Flachwasserbereiche im Sommer von Watvögeln und in den übrigen Jahreszeiten von Schwimmenten aufgesucht wird.

Surfer halten nach dem Einsetzen einen möglichst großen Abstand vom Ufer sowie den Flachwasserbereichen ein. Kanuten sollten – sofern Wind und Seegang es erlauben - sich entsprechend vorbildhaft verhalten.

Der bestehende Badestrand südlich des Spülfeldes (nahe des Ortes Wampe) kann als „Trittstein“ genutzt werden.

 

6. Dänische Wiek:

Die Flachwasserbereiche der Wiek (innerhalb der 2-m-Tiefenlinie, ausgenommen der Mittelgrund) werden in dem Bereich ab Strandbad Eldena bis zum Pumpenhaus ganzjährig nicht befahren, um vor allem die für Vögel wichtigen Flachwasser-Randbereiche zu beruhigen.

Kanuten nutzen die Strandabschnitte bei Eldena und Ludwigsburg (auf der anderen Seite des Wiek) als „Trittstein“.

 

7. Ludwigsburger Haken bis Lubmin Seebrücke:

Auf diese Flachwasserbereichen kann man aufs Jahr verteilt eine Vielzahl von Wasservögeln, Eisenten, Säger, Taucher, Singschwäne, Schell- und Pfeifenten, und Mittelsäger beobachten. Der Bereich um den Ludwigsburger Haken ist daher ganzjähriges Ausschlussgebiet. In der Zeit vom 1.10.-30.04. werden die Flachwasserbereiche innerhalb der 2-m-Tiefenlinie östlich des Hafens von Vierow von Kanuten nicht befahren.

„Trittsteine“ befinden sich nach Loissin, sowie in Vierow und Lubmin.

 

Faszit

 

Es ist zu hoffen, dass diese Form der Kooperation zwischen „Naturschützern“ und „Naturnützern“ längeren Bestand hat und nicht bloß von der politischen „Großwetterlage“ abhängig ist.

 

Es ist zu begrüßen, dass die für einzelne Regionen maßgeblichen Vereinbarungen im Wesentlichen von den regionalen Vereinen getroffen werden. Nur sie verfügen über die entsprechenden Revierkenntnisse. Sie sollten jedoch die Belange der dort Urlaub machenden Kanuten nicht ignorieren, d.h. über die Regelung einzelner Regionen darf nicht das große Ganze aus dem Auge verloren werden. Das aber besteht darin, dass es auch in Zukunft weiterhin möglich sein muss, ohne Unterbrechung entlang der ganzen Ostseeküste und um die größeren Inseln herum paddeln zu können, ohne dabei auf die nicht von jeder Kanutin und jedem Kanuten beherrschbaren offene See oder gar auf die Landstraße ausweichen zu müssen.

 

Und es ist zu wünschen, dass der WWF seine dominierende Stellung bei der Verhandlungsführung und dem Abstimmungsprozess nicht dazu ausnutzt, die Interessen der „Naturnützer“ zu vernachlässigen. Noch stimmt es einen außenstehenden Betrachter skeptisch, dass bei den Regionalvereinbarungen auf der Seite der „Naturschützer“ der große Verband WWF steht (der über Jahrzehnten Erfahrungen gesammelt hat, wie das Treffen solcher Vereinbarungen zum eigenen Gunsten beeinflusst werden können) und auf der anderen Seite, der Seite der „Naturnützer“, viele kleine örtliche Vereine angesprochen werden (die gerade anfangen, ihre ersten Erfahrungen in dieser Angelegenheit zu machen). Zumindest die Ergebnisse für die Region Greifswald zeigen aber, dass diese Skepsis unbegründet ist.

 

Weitere Infos: WWF-Projektbüro Ostsee

18439 Stralsund, Kniepwall 1; eMail: stralsund@wwf.de

 

Textzusammenfassung: Udo Beier (DKV-Referent für Küstenkanuwandern)

 

Links:

Info-Übersicht Greifswalder Bodden & Strelasund: è www.wassersport-im-bodden.de

Zur Bedeutung freiwilliger Vereinbarungen: è www.bfn.de/09/skript106.pdf