12.07.2005 Windstärke: Fantasie & Wirklichkeit (Wetter)

 

Ich kann mich noch sehr wohl daran erinnern, als ein kräftiger Wind über die Inseln der westschwedischen Schären blies. Wir brachen für den Tag die Tour ab, bauten die Zelte auf und suchten hinter den Felsen ein windstilles Plätzchen auf. Zwischendurch maß ich per Windmesser immer wieder mal den Wind: Der Windmesse zeigte zwischen 8,0 und 10,7 Meter/Sekunde (m/s) Wind an. Das entspricht 5 Bft. Wind. Ein Mitpaddler antwortete darauf nur: „Was, nur ein 5er Wind. Ich dachte, es windet viel stärker!“

 

Nun, woran liegt das eigentlich, dass sich insbesondere die Kanuten immer wieder so mit der Windbestimmung verschätzen? Vielleicht daran, dass die Paddler vieles mit den Anglern gemein haben; denn die neigen bekanntlich ja auch bei der Bestimmung der Länge der von ihnen gefangenen Fische zu Übertreibung? … und wenn der eine Kanute erst einmal beginnt zu übertreiben:

 

 

ziehen die anderen Kanuten, die nicht im „Windschatten“ ihrer Mitpaddler stehen möchten nach. Im Laufe der Jahre hat sich daraus eine „Kultur des Übertreibens“ entwickelt, der jetzt auch das Mitgliedermagazin der Salzwasserunion e.V. (SaU), die zwischenzeitlich mal eine Fachzeitschrift werden wollte, verfallen ist. Zumindest könnte man das dem Foto-Beitrag:

 

„Vollwaschgang mit Salz-Spülung“

 

entnehmen, der im SEEKAJAK, Nr. 97/05, auf den S.32-33 erschienen ist. Insgesamt werden 14 Fotos (weitere Fotos dazu gibt es auf S.29 und auf der Titelseite) gezeigt und mit dem folgenden Kommentar versehen: „Himmelfahrts-Treffen auf Spiekeroog, Windstärke 6, Nordwest. Bernhard lädt zu einem spontanen Brandungstraining am Strand vor dem Zeltplatz …“

 

Nun, auf allen Fotos sieht man kein Wellenbild, das dem Seegang bei 6 Bft. entspricht:

 

Seegang-Bezeichnung: grob;

Auswirkungen des Windes auf die See: „Bildung großer Wellen beginnt. Kämme brechen sich und hinterlassen größere weiße Schaumflächen; etwas Gischt.“

(Quelle: Seewetter, hrsg. vom Autorenteam des Seewetteramtes, 1999, S.29 u. S.57)

 

Die See auf den Fotos ist wohl draußen „leicht bewegt“, weiße, vom Wind erzeugte Schaumköpfe, sind jedoch auch auf dem etwas größeren Titelfoto nicht auszumachen. Lediglich Dünung trudelt herein und erzeugt in Strandnähe ein bzw. zwei Brandungswellen. Übrigens, die Fotos entstanden am Samstag, 7.05.05, einem Tag, an dem andere um Langeoog herum paddelten von einem Westwind der Stärke 4 sprachen. Erst gegen Abend hatte der Wind auf Nordwest gedreht und sollte – sofern den Aussagen zu glauben ist - auf 5 Bft. aufgefrischt sein. Könnte es daher sein, dass der Autor dieser Fotoserie die im Seewetterbericht prognostizierte Windstärke mit der realen Windstärke gleichsetzte, oder gar die angekündigten Böen, die i.d.R. um 1 – 2 Bft. höher liegen, mit dem konstanten Wind verwechselte? Übrigens, es handelt sich hier um einen typischen Erscheinung, die immer wieder zu erlebenist, dass viele Kanuten ihre Leistungsfähigkeit damit anderen gegenüber zum Ausdruck bringen möchten, dass sie die prognostizierte Stärke der Windböen als realen Wind ausgeben. Übrigens, wer wissen möchte, wie es bei einem 7er Wind aus Südwest auf der Wattseite von Spiekeroog aussieht, möge das folgende Foto aufrufen:

 

 

welche Gewässerbedingungen widerspiegelt, die manche gern als 10er Wind ausgäben, nur weil bei der Windprognose von Böen bis 10 Bft. die Rede war.

 

Wie kommt es nun, dass die recht harmlos erscheinenden Gewässerbedingungen bei den Brandungsübungen am Strand vor dem Zeltplaltz von Spiekeroog einem 6er NW-Wind zugeschrieben werden? Nun, entweder wurde  – wie oben gemutmaßt – die Böen-Prognose fälschlicherweise mit dem realen Wind gleichgesetzt oder/und der ganze Bereich, innerhalb dem die Brandungsübungen stattfanden, lag in jenem Strandbereich des Zeltplatzes, der bei NW-Wind zum ablandigen Bereich (hier: südlich der großen Buhne) und nicht zum auflandigen Bereich (hier: nördlich der großen Buhne) zählt. D.h. die See konnte sich wegen des Wind- und Wellenschutz, den Langeoog, die Sände vor Langeoog und Spiekeroog (hier: Wester- & Süderriff und Robbenplate) und die große Buhne bieten, nicht so entfalten wie bei einem auflandigen Küstenstreifen und der 6er Wind entpuppt sich vor Ort als „schwacher bis mäßiger“ Wind (3-4 Bft.).

 

Warum der vielen Worte?

 

Lohnt es sich eigentlich, über dieses „Missverständnis“ zu schreiben. Ich meine ja, denn diese Bilder täuschen einen. Sie vermitteln nicht nur bei den Akteuren der dort angesetzten Brandungsübungen, dass sie bei einem 6er Wind gepaddelt seien, sondern auch bei den Betrachtern der insgesamt 17 Fotos, dass ein 6er Wind eigentlich doch einen recht harmlosen Seegang erzeugt, ohne sich dabei bewusst zu sein, dass solch relativ unproblematische Bedingungen bei einem 6er Wind nur dann vorherrschen, wenn der Wind ablandig bläst und man im Wind- bzw. Wellenschutz paddeln kann. Solche Täuschungen führen dazu, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil zumindest der Küstenkanuwanderer der Auffassung sind, dass das Paddeln beim 6er bis 7er Wind zur „Tagesordnung“ des Küstenkanuwanderns zählt und als nicht weiter problematisch einzustufen ist. Eine 6er Windprognose schreckt sie folglich nicht ab, obwohl i.d.R. ein 5er Wind die meisten Küstenkanuwanderinnen und –wanderer an ihre persönlichen Grenzen der Befahrbarkeit stoßen lässt, sofern sie ihn auflandig im ungeschützten Bereich der Küste erleben.

 

Gewässerschwierigkeiten

 

Wer eine solche Situation niemals erleben möchte, dem rate ich, eine erste näherungsweise Abschätzung der Gewässerschwierigkeiten - sofern er das Gewässer, das er befahren möchte, nicht vollständig einsehen kann – mit Hilfe der folgenden Näherungsformel vorzunehmen:

 

 

D.h. wir ziehen von der angekündigten Windstärke (gemessen in Bft.) 2 ab und korrigieren anschließend den derart ermittelten Wert um einige revierbedingte Faktoren (z.B. ablandiger Bereich = -1 bis -5; Brandung/Untiefen/Hindernisse = +1 bis +5; Strom-gegen-Wind = +1 bis +2; Strom-mit-Wind = -1; Fetch über 10 km bzw. Windwirkdauer über 12 Std. = +1). Weiter Infos hierüber finden wir unter:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/SSG.pdf ).

 

Beispiel: Bei einem 5er Wind kommt man zunächst auf einen SSG von III (= 5 minus 2), was als „schwierig“ zu klassifizieren ist. Paddeln wir im geschützten Wattenbereich z.B. der ostfriesischen Inseln, können wir wegen der ablandigen Windbedingungen vom ermittelten SSG 1 Grad abziehen, was zu einem SSG von II („mäßig schwierig“) führt. Weht jedoch dort der Wind-gegen-Strom, so ist jedoch 1 Grad wieder zu addieren, sodass wir wie auf SSG = III kommen. Führt jedoch die Tour durchs Wattenmeer hinaus auf die ungeschützten Seeseite der ostfriesischen Inseln und bläst der Wind dort auflandig, ist mit Brandung zu rechnen, sodass wir auf SSG = IV („sehr schwierig“) kommen, der sich auf SSG = V („äußerst schwierig“) erhöht, wenn der Wind schon seit über 12 Std. weht, und gegebenenfalls in der Brandungszone auf SSG = VI („Grenze der Befahrbarkeit“) zulegt, da der Fetch eines z.B. nördlichen Windes mehrere 100 km beträgt.

 

Wem diese Subtraktionen & Additionen zu viel sind und sich lieber auf sein Gespür verlassen möchte, braucht sich nachher nicht zu wundern, wenn er seine Tour unterwegs wegen der Schwierigkeiten, die ihm die Gewässerbedingungen bereiten, abbrechen muss.

 

Wie aber ermitteln wir die Windstärke?

 

Drei Möglichkeiten bieten sich hier an:

 

1) Seewetterbericht:

 

Wir können die Windprognose über Radio, Internet und SMS abrufen. Infos hierüber finden wir unter:

 

www.kanu.de/nuke/downloads/Seewetterberichte-D.pdf (gültig für Nord-/Ostsee)

www.kanu.de/nuke/downloads/Seewetterberichte-Ausland.pdf (gültig für Europa)

 

Die (See-)Wetterberichte liefern jedoch nur eine Prognose, die einem aber hilft zu erfahren, welchen Wind wird draußen erwarten könnten. Wer wissen will, wie stark der Wind tatsächlich bläst, sollte jedoch nicht hingehen und einfach von der Prognose 2 Bft. abziehen, nur weil die Gerüchte unter den Küstenkanuwanderern immer wieder darauf hindeuten, dass die Windprognose am Wochenende aus Sicherheitsgründen von den Seewetterämtern stets um 2 Bft. höher angesetzt wird. Vielmehr sollte er sich vor Ort begeben und selber nachschauen. Letzteres ist aber nur dann empfehlenswert, wenn er in der Lage ist, die Gewässerbedingungen, die bei der prognostizierten Windstärke entstehen können, abzuwettern.

 

2) Windmesser:

 

Wir können den Wind auch per Windmesser ermittelt. Z.Zt. soll der Windmesser „Windmaster 2“ der Firma Kaindl der für das Küstenkanuwandern handlichste und genaueste Windmesser sein. Die Windstärke wird dabei nicht mit Hilfe eines Propellers ermittelt, der exakt Richtung Wind ausgerichtet sein muss, sondern per Schaufelrad, bei dem nur wichtige ist, dass der Wind von vorne kommt. Beim Messen des Windes muss es einem jedoch bewusst sein, dass der Wind des Seewetterberichts in ca. 10 m Höhe ermittelt wird, um Bremseffekte, die durch die Reibung des Windes an der Erdoberfläche entstehen, möglichst gering zu halten. Weiterhin sollten wir uns im Klaren sein, dass:

 

 

3) Seegang:

 

Letztlich haben wir noch die Möglichkeit, am Wellenbild (sog. „Windsee“) abzuleiten, welche Windstärke vor Ort zu beobachten ist. International hat man sich dabei auf die folgende Beschreibung der Windsee in Abhängigkeit der Windstärke geeinigt. Die Auswirkungen des Windes auf die See werden hier etwas abgekürzt vorgestellt. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass eine Windsee beschrieben wird, die entsteht, wenn der Wind ungehindert über die Meeresoberfläche wehen kann.

 

·        Bft. 3 = Kämme beginnen sich zu brechen. Ganz vereinzelt können kleine weiße Schaumköpfe auftreten.

·        Bft. 4 = Weiße Schaumköpfe treten schon ziemlich verbreitet auf.

·        Bft. 5 = Überall treten weiße Schaumkämme auf. Ganz vereinzelt kann schon Gischt vorkommen.

·        Bft. 6 = Kämme brechen sich und hinterlassen größere weiße Schaumflächen, etwas Gischt.

·        Bft. 7 = See türmt sich; der beim Brechen entstehende weiße Schaum beginnt sich in Streifen in Windrichtung zu legen.

·        Bft. 8 = Von den Kanten der Wellenkämme beginnt Gischt abzuwehen. Schaum legt sich in gut ausgeprägten Streifen in die Windrichtung.

·        Bft. 9 = Dichte Schaumstreifen in Windrichtung. Gischt kann die Sicht schon beeinträchtigen.

·        Bft. 10 = Lange überbrechende Wellenkämme; Sicht durch Gischt beeinträchtigt.

·        Bft. 11 = Kanten der Wellenkämme werden zu Gischt zerblasen; Sicht herabgesetzt.

·        Bft. 12 = Luft mit Schaum und Gischt angefüllt; See vollständig weiß; Sicht stark herabgesetzt; jede Fernsicht hört auf.

 

Text: U.Beier