19.05.2006 Küstenkanuwandern bei steifem bis stürmischem Wind (Wetter)

 

Die Zeiten des Heulens & Zähneklapperns sind nun vorbei. Es ist endlich wieder ein Vergnügen, entlang der Küste zu paddeln. Immerhin ist es fast Juni, aber halt nur fast.

 

Leider ist der Monat Mai ist aus der Sicht des Küstenkanuwanderns noch ein „unzuverlässiger“ Monat: mal ist es warm, trocken & windstill und mal ist es kühl, nass & stürmisch. Auf diese seine Unzuverlässigkeit ist jedoch Verlass! Diese beiden Wetterphasen – heute „Ententeich“, morgen „Sauwetter“ - treten nämlich garantiert im Mai auf, und zwar im steten Wechsel, quasi fifty-fifty. Sollte die eine Wetterphase mal länger als eine Woche andauern, folgt ihr garantiert die andere, und zwar ebenfalls über eine Woche. Was machen wir da, wenn wir gerade während der „Sauwetterphase“ entlang der Küste paddeln wollen, z.B. am 18.05.06 nach Spiekeroog?

 

Die Wetterprognosen

 

Wetteronline de (è www.seewetter.de ) prognostizierte für den Zeitpunkt und die Region der Überfahrt SW 5 Bft. (Böen 70 km/h, was 8 Bft. entspricht). Wetterwelt.de (è SMS-Abo-Dienst) sagte SW 5-6 Bft in Böen 9-10 Bft., Regen, voraus. Der Deutsche Wetterdienst DWD (è www.dwd.de ) meldete schließlich für den Zeitpunkt der geplanten Überfahrt aktuellen Wind zwischen 32 – 54 km/h (5-7 Bft.) und der BSH (è www.bsh.de ) eine Wassertemperatur von 12°-13° C.

 

Ja, was machen wir da?

 

Sind die Kanutinnen & Kanuten der Gruppe nicht erfahren, dann kann es schnell problematisch werden. Wie können wir uns sicher sein, dass diese Kanuten 5-6 Bft. Wind aushalten und den dazugehörigen Seegang meistern können. Diese Kanuten selber wissen es auf alle Fälle nicht, da sie noch nicht solche Gewässerbedingungen erlebt haben. Sie verlassen sich mit recht voll auf ihren Fahrtenleiter … und darauf, dass ihre Rolle bzw. der Wiedereinstieg schon klappen wird. Eines ist jedoch unzweifelhaft: Sollten die angesagten Böen von 8 Bft. bzw. 9-10 Bft. eintreffen, dann bekommen alle, die „Unerfahreneren“ und „Erfahreneren“ Probleme und auch der Fahrtenleiter hat genug mit sich und seinem Kajak zu tun. Er hat höchstens die Zeit & Kraft, sich um einen seiner „Schützlinge“, der in Schwierigkeiten gerät, zu kümmern. Haben mehrere Schwierigkeiten, ist nur zu hoffen, dass dann genügend erfahrene Kanuten dem Fahrtenleiter zur Seite stehen können. Sollten aber diese Böen nicht eintreffen und sollte der tatsächlich angesagte Wind sogar – wie vielfach üblich - um mindestens 1 Bft. niedriger ausfallen, geht alles gut …. und alle hatten das Erlebnis, bei prognostizierten Böen von 9-10 Bft. gepaddelt zu haben, obwohl es nur mit 4-5 Bft., d.h. einem mäßigen bis frischen Wind, geweht hat. Ach ja, dem Fahrtenleiter ist dafür zu danken, dass er die Wetterlage besser eingeschätzt hat, als der Seewetterbericht vorgab.

 

Jenseits von Gut & Böse: 4 Bft. Wind

 

4 Bft. Wind („mäßiger Wind“) (was 20-28 km/h bzw. 11-15 Knoten entspricht) stellen für den erfahrenen Flusswanderpaddler, aber unerfahrenen Küstenkanuwanderer, der über keine Brandungserfahrungen verfügt, eigentlich die „persönliche Grenze der Befahrbarkeit“ dar, sofern es hinaus an die Küste geht. Nimmt der Wind zu, muss ja nicht nur mit dem Winddruck, sondern auch mit dem – teils brechenden - Seegang gekämpft werden, und das u.U. nicht nur im Kajak sitzend, sondern auch – Kenterungen sollten nie ausgeschlossen werden – neben dem Kajak schwimmend. Gemäß dem – inoffiziellen – Salzwasserschwierigkeitsgrad (SSG) entsprechen grundsätzlich 4 Bft. Wind einem Schwierigkeitsgrad von II (= „mäßig schwierig“) (Formel: SSG=Bft. minus 2). Nimmt der Wind nun auf 5 Bft. zu, erhöht sich der SSG auf III (= „schwierig“) und bei 6 Bft. kommen wir schon auf einen SSG = IV (= „sehr schwierig“). Spätestens bei 8 Bft. Wind wird ein SSG = VI (= absolute Grenze der Befahrbarkeit) erreicht. Ich paddelte einst mal bei 9 Bft. Wind, …. der von den Rotorblättern eines SAR-Rettungshubschraubers erzeugt wurde. Es herrschte jedoch kein Seegang, sodass der Winddruck ungebremst auf mich traf. Ich nahm den Sturm von der Seite und stützte sofort zur Luvseite. Hätte ich das luvseitige Paddelblatt meines gedrehten Paddels angehoben, wäre der Wind unter das Paddelblatt gefahren und mich umgeschmissen, wie einen meiner Kameraden, dessen Seekajak anschließend vom Rotor-Wind angetrieben quer zum Wind über die Wasserfläche rollte!

 

Ausnahmen bestätigen die Regel

 

Natürlich gibt es Situation, wo auch unerfahrenere Kanuten bei Wind über 4 Bft. Küstenkanuwandern betreiben können. Z.B.:

 

Wir sollten aber darauf achten, dass wir nicht allmählich aus dem Windschutz heraus treiben und plötzlich die ganz Kraft des Windes und des Seeganges zu spüren bekommen.

Folglich sollten wir ganz dicht unter Land paddeln, möglichst so, dass wir nach einer Kenterung Grundberührung haben und samt Kajak sofort an Land gehen können; denn Kenterungen sind auch im Windschutz möglich.

So kann der Windschutz einer Steilküste einem nicht vor Fallwinden bewahren, die, wenn sie unverhofft hernieder kommen, einen durchaus umschmeißen können. Oder der Windschutz wird von einem Taleinschnitt unterbrochen, der  dann wie eine Düse wirkt, durch die der Wind nun plötzlich – durch den Düseneffekt verstärkt – über einen herfallen kann.

 

Lediglich wenn wir von der einen Insel zur nächsten Paddeln, geben wir den Wind- und Wellenschutz auf. Dann heißt es, mit voller Konzentration – u.U. einen günstigen Kurs – zu paddeln, um die Querung zu meistern oder abzuwarten, bis dass der Wind schwächer wird (eine Taktik, die sich z.B. in Regionen mit thermischen Seewind anbietet).

 

Jedoch ist ein nicht erfahrener Küstenkanuwanderer kaum in der Lage abzuschätzen, welche Gewässerbedingungen in den Prielen und Fahrwassern anzutreffen sind. Dazu muss er die Windstärke und Windrichtung kennen und die Stärke und Richtung des Tidenstroms. Strömt es gegen den Wind, ist mit einer steilern und gegebenenfalls brechenden See zu rechnen. Ab einem 6 er Wind; der gegen einen 3 km/h Strom weht, können wir u.U. mit einer „Stehenden Welle“ rechnen. Mündet an einer solchen Stellen dann auch noch ein weiterer Priel ein, kann sich noch zusätzliches Kabbelwasser bilden, das noch verstärkt wird, wenn ein z.B. Fahrgastschiff oder Fischerboot mit einer großen Heckwelle vorbei fährt. Befinden sich dann noch in dem Bereich, in dem gepaddelt wird, Untiefen (Achtung: Grundseen), bzw. dringt durchs Gat die hohe Windsee bzw. Dünung der Seeseite durch, können schnell Gewässerbedingungen vorherrschen, die nicht mehr alle beherrschen. Treffen dann noch die prognostizierten Böen von 8 bzw. 9-10 Bft. ein, wird es schnell gefährlich, insbesondere bei Wassertemperaturen, die unter 15° C liegen.

 

Die Stunde Null: 18.05.06, 16.56 Uhr

 

Am 18.05.06 wollte ich genau durch solch eine Wattlandschaft paddeln, und zwar von Neuharlingersiel nach Spiekeroog (ca. 8 km). Die Gruppengröße lag bei 7 Kanutinnen & Kanuten. Aufgrund der ersten Böenwarnungen von 8 Bft. empfahl ich zunächst einmal dem „schwächsten“ Kanuten, zu Hause zu bleiben. Vor Ort entschied ein erfahrenes Pärchen, auf die Tour im Zweier zu verzichten. Zurück blieben 4 Kanuten, von denen 2 bei solchem einem Wind (ohne Böen) nur in der Brandung „geübt“ hatten. Es wehte aus SW eine frischer bis starker Wind mit der Aussicht auf 8er bzw. 9-10er Böen. Auf der Ostseite des Hafens an der Einsatzstelle merkten wir vom Wind nicht soviel, da diese Ecke etwas im Windschutz lag. Deshalb ging wir mal auf die Westseite, wo der Wind direkt übers Wasser pfiff. Das war schon beeindruckend.

 

Nun, wenn die Wattflächen trockengefallen sind, konnte ca. 6 km lang im Wellenschutz der Hafen-Buhne bzw. der Wattflächen gepaddelt werden. Lediglich die letzten ca. 2 km unmittelbar vor dem Gat zwischen Langeoog und Spiekeroog sind etwas weniger geschützt. Wenn wir jedoch diesen Bereich in der Niedrigwasserphase erreichten, also dann, wenn kaum Strom ist, wäre eine Querung des dort ca. 750 m breiten Otzumer Balje-Fahrwassers auch bei Wind über 4 Bft. durchaus möglich. Im Falle einer Kenterung mit nicht erfolgreichem Rollen/Wiedereinstieg hätte der Wind einen bei fehlendem Strom auf die Wattflächen von Spiekeroog getrieben, also genau dort hin, wo etwa angelandet werden sollte. Meine Gruppe war mit Trockenanzug bzw. Neo gegen kaltes Wasser geschützt, sodass das Risiko fast kalkulierbar gewesen wäre, solang die prognostizierten Windböen (8 Bft. bzw. 9-10 Bft.) ausblieben.

 

Leider war Niedrigwasser (NW Spiekeroog) erst um 23.31 Uhr und Sonnenuntergang (SU) schon um 21.27 Uhr, d.h. zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs strömte es dort mit 1-2 km/h Richtung Seeseite. Bei solch einem Wind sollte für eine diese ca. 8 km lange Strecke ca. 1:45 h Paddelzeit eingerechnet werden. D.h. wir sollten um ca. 19.45 starten, um noch vor Sonnenuntergang Spiekeroog zu erreichen. Zu diesem Zeitpunkt sind auch schon einige Wattflächen des Janssand am Rande des Fahrwassers trockengefallen, sodass wir die ersten ca. 6 km im Wellenschutz gepaddelt werden könnten. Leider treffen wir bei der Querung über das ca. 750 m breite Fahrwasser hinüber nach Spiekeroog noch auf einen 1-2 km/h starken Strom in Richtung Gat. Außerdem macht das Fahrwasser dort eine Kurve, wo zusätzlich noch zwei Priele einmünden. Im Falle einer Kenterung mit Ausstieg und fehlgeschlagenen Wiedereinstiegsversuchen, wäre es nicht auszuschließen, dass der „Kenterbruder“ vom Strom ins Gat getrieben worden wäre, und dass bei Sonnenuntergang.

 

Die Alternative, in die Dunkelheit hineinzupaddeln (an dem Abend wurde es um ca. 22 Uhr dunkel), um bei Niedrigwasser in Spiekeroog anzulanden, wurde nicht in Erwägung gezogen. In Verbindung mit der Böenwarnung hätte eine Fahrt in die Dunkelheit – auch bei ausreichender Beleuchtung der Kajaks – eine zusätzliche Erhöhung des Risikos dargestellt. D.h. wir ließen unsere Seekajaks auf dem PKW-Dach, tranken im nahen Café eine Tasse Tee und traten dann die Heimfahrt an. Insgesamt 500 km wurde an diesem Tag mit dem Auto gefahren und Null km gepaddelt!

 

No, no, never!

 

Diese Entscheidung wäre vielleicht anders ausgefallen, wenn der Wetterbericht für die nächsten beiden Tage deutlich bessere Gewässerbedingungen prognostiziert hätte, wenn ich nicht schon einmal 3 Wochen zuvor mit einer Gruppe auf Spiekeroog wegen Wind, Regen & Gewitterwarnungen im Aktionsradius angeschränkt war … und wenn ich nicht 3 Jahre zuvor Ende Juni in einer ähnlichen Situation mit einer 4er Gruppe bei 7 Bft. Wind aus West die Überfahrt bei Tage von Neuharlingersiel nach Spiekeroog gewagt hätte, und zwar in der letzten Stunde vor Niedrigwasser:

 

Entlang der ca. 2 km langen Buhne, die die Hafeneinfahrt schützen soll, kamen wir noch gut voran. Die Fahrt entlang der Wattkante der Schillbalje (Janssand), die bei dem Wind gar nicht so richtig trockengefallen war, verlangte dann volle Kraft & Konzentration. Der Seegang war zu vernachlässigen, der Winddruck aber enorm. Wäre da einer von einer Böe umgeschmissen worden, hätte es Probleme geben können, dem Kenterbruder rechtzeitig Wiedereinstiegshilfe anbieten zu können. Wahrscheinlich wäre ich mit dem „Kenterbruder“ allein – d.h. ohne dass mir die übrigen Kameraden gefolgt wären - auf die andere Fahrwasserseite ins Watt der Bakenplate abgetrieben worden, wo bei dem Wasserstand ein Paddeln und Treideln kaum noch möglich gewesen wäre.

 

Deshalb kam wohl einer auf die Idee, entlang der Wattkante Richtung Spiekeroog zu treideln („So hat das der Zölzer immer so mit uns gemacht!“) und alle meine Kameraden folgten ihm; denn zurück zur Hafeneinfahrt in den Windschutz der Buhne wäre bei dem Winddruck kaum noch möglich gewesen. Wir wären unweigerlich im schlickigen Watt des Neuharlingersieler Nackens gelandet. Ich allein blieb im Kajak und fuhr parallel zu den Kameraden. Als die Wattkante der Schillbalje nach Westen schwenkte, kam der Wind genau von vorn. Ich paddelte auf der Stelle und fing auch an zu treideln.

 

Gegenüber von uns - nur ca. 750 m entfernt - lag die rettende Wattfläche von Spiekeroog. Es war Niedrigwasser und es strömte nicht mehr. Uns erwartete ein unruhiger Seegang und ein heftiger Seitenwind. Bei einer Kenterung wären wir u.U. auf die schlickigen Wattflächen der Swinnplate getrieben. Als wir schließlich die Querung begannen, paddelte plötzlich noch einer ohne etwas uns zu sagen – zumindest waren bei diesem Wind sowieso keine Stimmen zu hören - zurück zur Wattkante, weil ihm beim Treideln irgendein Behälter in die Sitzluke gerutscht war und ein Steuerpedal blockierte. Die Querung war dann erstaunlicherweise ein „Klax“. Wir spürten im Seegang kaum noch den Winddruck. Lediglich ein „Skeg“-Fahrer trieb etwa 100 m ab.

 

Wir stiegen dann an der Wattkante von Spiekeroog (am alten Hafen) aus. Der letzte Kilometer mit dem Bootswagen durch die schlickige bzw. sandige Wattfläche Richtung Zeltplatz war jedoch nicht minder anstrengend, aber dafür völlig ungefährlich!

 

Die nächsten beiden Tage herrschte herrlichstes Paddelwetter. Dennoch brummte ich immer & immer wieder den Refrain eines 3 Jähre später mehr oder weniger bekannten Schlagers: „No, no, never!“

 

Wo sind die Grenzen?

 

Ja, wo sind die Grenzen? Die in Beaufort gemessene Windstärke kann uns nur einen Anhaltspunkt liefern. Allein entscheidend sind die Gewässerbedingungen, die z.B. mit Hilfe des Salzwasserschwierigkeitsgrads(SSG) transparent gemacht werden können.

 

Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass wir uns eigentlich nur dann – auch bei einem SSG I - mit Kanutinnen und Kanuten aus dem Bereichen des rettenden Strandes entfernen dürften, wenn nicht nur ihr Kajak kentertüchtig ist (hier: mindestens doppelte Abschottung, tragbare Lenzpumpe, Rettungshalteleine und fest sitzende Spritzdecke, Paddelsicherungsleine), sondern sie auch selber kentertüchtig sind (hier: Beherrschung des Unterwasserausstiegs inkl. anschließende Sicherung des Kajaks, der Eskimo-Rettung, der X-Lenzmethode und der V- und Parallel-Wiedereinstiegsmethode). Letzteres kann zuvor mit den Kanuten im Hallenbad bzw. auf einem (Bagger-)See gelernt werden.

 

Weiterhin sollte uns bewusst sein, dass alles was über einen SSG II liegt (entspricht 4 Bft. Wind, sofern keine zusätzlichen Korrekturen vorzunehmen sind), Seeanfängern (das sind erfahrene Flusswanderpaddler, die nur Erfahrungen mit Winddruck, aber nicht mit Seegang haben) in Schwierigkeiten bringen kann, jedoch nicht muss.

 

Letztlich hängt es von der Ausrüstung, dem Können (hier: Paddel- und Rettungstechnik), der Fitness und der Kondition der einzelnen Kanutinnen und Kanuten ab. Haben sie schon im Rahmen eines Vorprogramms – ideal wären hier Brandungsübungen – gelernt, wie sie mit Seegang & Brechern umzugehen haben (z.B. flache und hohe Stütze, Verhalten nach dem Ausstieg), sind sie doch keine echten Seeanfänger mehr. Vergleichbares gilt für Wildwasserfahrerinnen und -fahrer. Wer bei mindestens WW III bis IV schon gepaddelt ist und sogar Rollen kann, dürfte weniger Probleme mit Seegang bzw. einer Kenterung, sondern eher Probleme mit seiner Kondition und seinen Sehnenscheiden bekommen, weil er es u.U. gar nicht gewohnt ist, 2-3 Stunden und mehr hintereinander durchzupaddeln.

 

Es ist durchaus vertreten, mit solch „erfahrenen“ bzw. „vorgebildeten“ Kanutinnen und Kanuten auch noch bei einem SSG III zu paddeln (entspricht einem 5 Bft. Wind, sofern keine zusätzlichen Korrekturen vorzunehmen sind). Entscheidend ist hierbei, dass die Betreuungsrelation stimmt. Wenn auf 1 erfahrenen Betreuer 3-4 „erfahrenere“ bzw. „vorgebildetere Seeanfänger kommen, kann m.E. noch im „grünen Bereich“ gepaddelt, sofern Rückzugsmöglichkeiten bestehen.

 

Beim einem SSG IV (entspricht einem 6 Bft. Wind, sofern keine zusätzlichen Korrekturen vorzunehmen sind) fängst es jedoch an, sehr schwierig zu werden. Eigentlich sollten dann die Experten unter sich sein. I.d.R. kann sich dann 1 Betreuer nur noch um einen „erfahreneren“ bzw. „vorgebildeteren“ Seeanfänger kümmern … und wenn es zur Kenterung kommt, müsste es möglich sein, die vorhandene Rückzugsmöglichkeit auch im Wasser treibend zu erreichen.

 

Bei einem SSG VII (entspricht einem 7 Bft. Wind, sofern keine zusätzlichen Korrekturen vorzunehmen sind) hat der Experte eigentlich genug mit sich selber zu tun, dass er eigentlich kaum noch Zeit & Kraft hat, sich noch um seine im begleitenden Kameradinnen bzw. Kameraden oder gar um Seeanfänger zu kümmern, so leistungsfähig sie auch sein mögen.

 

Wie sind nun diese Grenzen auf die Tour von Neuharlingersiel nach Spiekeroog auszuloten? Gehen wir mal von der SMS-Prognose von Wetterwelt.de aus, die SW 5-6 Bft. in Böen 9-10 Bft. vorhersagte, was sich mit der aktuellen Windmessung des DWD (32-54 km/h ≈ 5-7 Bft. (inkl. Böen) – mit Ausnahme der Böen – in etwa deckt. D.h. wir sollten von einem mehr oder weniger konstanten 6er Wind ausgehen, was zunächst zu einem SSG = IV führt. Da in der Niedrigwasserphase gepaddelt werden sollte, bei der die Sandbänke Wellenschutz bieten und mit wenig Strom zu rechnen ist, vermindert sich der SSG je nachdem, wie konstant der Wind bläst, um 1-2 Punkte nach unten. D.h. wir kämen auf einem SSG = II-III, wobei insbesondere bei der ca. 750 m breiten Querung des Wattfahrwassers vom Janssand hinüber zur Wattkante von Spiekeroog eher mit einem SSG = III zu rechnen wäre.

 

So weit, so gut, wenn da nicht die Böenwarnung von 9-10 Bft. (bei Seewetter.de: 8 Bft.) wäre, und zwar einer Böenwarnung, die nicht mit einer Gewitterwarnung einherging. Bei einer Gewitterwarnung könnten wir immerhin noch abwägen, ob für den lokalen Bereich die Gewitterwarnung berechtigt ist, und uns dann nach Beobachtung der lokalen Wetterlage dazu entscheiden, dass keine Gewittergefahr besteht. Es handelt sich aber um eine allgemeine Böenwarnung. Diese Böen lassen sich wohl u.U. am Wolkenbild erkennen (z.B. aber nicht immer: tiefschwarze Wolken mit Böenkragen). Aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass nach dem Auftauchen dieser Wolken am Horizont es keine 30-45 Minuten dauert, bis dass die Böen über einen herfallen. Das ist aber zu knapp, um die ca. 1 – 1:30 h dauernde Überfahrt nach Spiekeroog ohne Böen-Risiko abschließen zu können! Immerhin wurde um 21.00 Uhr bei Norderney Böen mit 54 km/h (7 Bft. entspricht einem Wind vom 50-61 km/h) gemessen.

 

Abgesehen davon lag die Niedrigwasserphase in der Dunkelheit (NW Spiekeroog = 23.31 Uhr; SU = 21.27 Uhr). Würde wir die Überfahrt so ansetzen, dass wir bei SU das ca. 750 m breite Wattfahrwasser vor Spiekeroog querten, könnte wegen der Strömungsverhältnisse und der Wind-gegen-Strom Situation ein SSG = III-IV nicht ausgeschlossen werden. Querten wir dagegen bei NW, würden wir wohl auf keinen Strom mehr treffen, dafür aber bereitete uns die Dunkelheit zusätzliche Probleme, die im Falle einer Kenterung sich voll entfalten könnten. Schlimmstenfalls bliebe uns dann nur noch die Hoffnung, dass der 6er Wind aus SW den „Kenterbruder“ über das Wattfahrwasser hinüber auf die rettende Wattfläche vor dem Spiekeroog Zeltplatz triebe.

 

Text: Udo Beier