06.05.2013 Gefahr Nr. 2: Ablandiger Wind (Wetter)

 

Nach der „Gefahr Nr. 1“, nämlich dem „kalten Wasser“, folgt der „ablandige Wind“ als „Gefahr Nr. 2“. Natürlich ist das Paddeln in der „Brandung“ bzw. im „Nebel“ mit mehr Gefahren verbunden, aber der ablandige Wind ist heimtückischer und dadurch weitaus gefährlicher!

 

Die Gefahren, die von 3-Meter-Kaventsmännern bzw. von einem dichten Nebel ausgehen, sind für jedermann und jede Frau offensichtlich. Bei solchen Bedingungen kommt kaum ein Küstenkanuwanderer freiwillig auf die Idee, los- oder weiterzupaddeln.

 

Anders sieht das bei ablandigem Wind aus. Der weht vom Land aus aufs Wasser und „tobt“ sich erst weiter draußen auf dem Wasser so richtig aus. Dort weit ab vom Ufer, weit weg von der Windabdeckung (z.B. Steilküste, Berge, Dünen, hohe Bäume), kann sich der Wind wieder voll entfalten und Wellen aufbauen, durch die wir nicht paddeln würden, wenn wir sie vorher vom Land aus gesehen hätten; denn ablandig sich aufbauende Wellen brechen nicht auf der Luv- sondern – also unsichtbar für jene, die sich von Luv her nähern – auf der Leeseite.

 

Allgemein treten bei ablandigem Wind hinter erhöhten Küstenbereichen folgende „Abdeckungseffekte“ auf:

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Windeffekte.pdf

 

Ist also der direkt am Ufer aufsteigende Bergrücken samt Bäumen z.B. 40 m hoch, dann reicht die „Flautenzone“ 200 m weit hinaus, wobei es je nach Windabdeckung durchaus möglich sein kann, dass direkt am Spülsaumen völlige Flaute herrscht! Danach treffen wir auf den nächsten 200 m auf „Flautenlöcher“ mit ihren typischen Windböen“. Windverwirbelung und „Fallwinden“). Erst nach weiteren 800 m, also 1.200 m vom Ufer entfernt, geraten wir gänzlich aus dem „Windschatten“ und spüren nicht nur die volle Kraft des Windes, sondern auch eine zunehmend höher werdende Windsee.

 

Besonders tückisch ist die „Flautenzone“ anzusehen. Der ablandig wehende Wind macht sich ja ganz nahe an der Küste kaum bemerkbar und verleitet so Küstenkanuwanderer dazu, sorglos entlang der Küste zu paddeln. Wenn sie dabei nicht aufpassen, stets dicht entlang des Spülsaums zu paddeln, treibt sie der Wind langsam immer weiter aufs offene Meer hinaus, bis es ihnen immer schwerer fällt, gegen den Windruck zurück zum sicheren Ufer zu paddeln. Sollte dann ein Mitpaddler von einer Fallböe umgeweht oder einer weißen Windsee umgeschmissen werden, ist der Seenotfall vorprogrammiert; denn bis der Wiedereinstieg gelingt, treibt der Wind ihn soweit hinaus in den immer höher werdenden Seegang, dass er und seine „Retter“ schon über genügend Kondition und Seegangstüchtigkeit verfügen müssen, um gegen den zunehmend stärker blasenden Wind und die immer höher werdenden Wellen zurück ans rettende Ufer paddeln zu können.

 

Äußerst kritisch ist ablandiger Wind bei Kapumfahrungen bzw. beim Inselhopping zu beurteilen, denn wir geraten dort beim Streckepaddeln mit unseren Seekajaks ganz plötzlich aus dem Wind- und Wellenschutz eines Kaps bzw. einer Insel. Wir erleben in solchen – eigentlich vorhersehbaren - Situationen dann sehr abrupt nicht nur den vollen Winddruck, sondern auch die dazugehörige Welle, die u.U. auf ihrem –zig Kilometer langen Windweg (Fetch) Zeit hatte, sich voll zu entfalten.

 

Ein Seenotfall

 

Im SEA KAYAKER (Nr. April 2013) berichtet nun Terri Finch Hamilton in dem Beitrag:

 

„Newfoundland tragedy“

 

über einen tödlich endenden Seenotfall, der letztlich vom ablandigen Wind verursacht wurde.

 

Jim (64) unternahm im Sommer zusammen mit seinem alten Kumpel David (63) u.a. eine 3-4-tägige Tour entlang der Küste Neufundlands (Kanada). Während Jim ein recht erfahrener Kanute war, der schon seit 17 Jahren immer wieder entlang der Küste paddelte, schien David eher der weniger passionierte Kanute zu sein, der sich für die Tour eigens ein Seekajak bei Jim auslieh und ansonsten wohl darauf baute, dass Jim schon für die nötige Sicherheit sorgte …. und das tat Jim auch; denn zu seiner Sicherheitsausrüstung gehörte Folgendes:

 

 

Gepaddelt wurde in Seekajaks von PERCEPTION, und zwar einem „Sea Lion“ (PE) (518 cm lang) und einem „Scimitar (PE) (473 cm lang).

 

Am ersten Tag paddelten sie knapp 20 km. Am nächsten Tag ließen sie ihre Zelte in einer windgeschützten Bucht stehen und planten für 1-2 Std. eine Spritztour ohne Gepäck zu unternehmen. Das Wetter war okay:

 

 

Jim trug daher nur eine Badehose plus T-Shirt und David eine Paddeljacke plus Paddelhose. Darüber zogen beide ihre Schwimmwesten. Jim war es bewusst, dass – solange sie dicht entlang des felsigen Ufers paddelten – ihnen weder Wind noch Welle Probleme bereiten konnten.

 

Dann ging es um 11 Uhr aufs Wasser. Jim paddelte etwa 50 m vom Ufer entfernt und David weitere 50 m weiter draußen. Irgendwie machte das Jim nervös. Er rief daher hinüber zu David und gab ihm Zeichen, näher bei ihm zu paddeln. David bemerkte das, behielt aber seinen Kurs bei. Wollte er sich etwa nichts von seinem Freund vorschreiben lassen? Wir wissen es nicht! Allmählich wurde es windiger und welliger. Nach etwa 1 Stunde gab David das Zeichen zum Umkehren …. und da passierte es schon. Der nun von achtern kommende Seegang ließ David kentern.

 

Jim kam sofort zu Hilfe. Nach gefühlten 1 ½ Minuten saß David wieder in seinem Seekajak. Während Jim einige im Wasser treibende Ausrüstungsgegenstände einsammelte, die David bei seiner Kenterung verlor, kenterte David ein zweites Mal. Der dann fällige Wiedereinstieg funktioniert ebenfalls. Doch der Seegang wurde jetzt immer höher, sodass bald darauf David ein drittes Mal kenterte. Der darauffolgende Wiedereinstieg verlief in Anbetracht der Wassertemperaturen, des Winddrucks und des Seegang dann nur noch sehr mühsam. Jim bemerkte, wie wieder Ausrüstungsgegenstände (inkl. Lenzpumpe) von David im Wasser trieben, aber sollte er David loslassen und seine vierte Kenterung riskieren?

 

Was sollte nun Jim tun? Eine Notfallregel sagt, dass der Retter sich zunächst in Sicherheit begeben sollte, bevor er einem Notfallopfer hilft. Daraus hätte Jim folgern können, David zurückzulassen und stattdessen ans Ufer zu paddeln und von dort aus Hilfe zu organisieren? Das konnte Jim seinem Kumpel nicht antun. Also blieb er bei ihm, hielt sich an seinem Seekajak fest und stütze ihn so, dass er möglichst nicht wieder kenterte.

 

Die Situation war äußerst kritisch:

 

 

Und so trieben sie stundenlang Richtung Insel. Nur mit den Händen hielt Jim die beiden Seekajaks zusammen, zusätzlich gesichert durch eine Schleppleine, die die für den Fall aller Fälle lose beide Seekajaks vorm Auseinandertreiben sicherte. Gegen Abend legt sich der Wind und der Seegang ging zurück. Jim versucht das „Floß“ mit einseitigen Paddelschlägen vorwärts zu bewegen, während nun David sich an Jims Seekajak festhielt. Irgendwann hörte Jim auf zu paddeln. Es war einfach viel zu anstrengend. So ließen sie sich wieder treiben. In der Zwischenzeit war der Mond aufgegangen und leuchte ihnen den Weg.

 

Es war 2 Std. nach Mitternacht, als es passierte. Jim konnte nicht mehr länger das voll geflutete Seekajak von David halten, zumal David in sich zusammengesackt war und selber nicht mehr dafür sorgen konnte, sein Seekajak aufrecht zu halten. Davids Seekajak riss sich aus Jims Händen, kenterte und … David war verschwunden. In der nunmehr stockdunklen Nacht sah Jim nur noch Davids Seekajak und sonst nichts mehr. Auch hörte er nichts von David, obwohl er immer wieder nach ihm rief! David hatte doch eine Schwimmwest an. Die müsste ihn doch zumindest an der Wasseroberfläche treiben lassen!?

 

Jim sah keine weitere Möglichkeit, David zu finden und zu helfen. In seiner Verzweiflung dacht er nur noch an seine eigenes Überleben und paddelte los Richtung Insel, die bei der Dunkelheit weit in der Ferne zu liegen schien. Eine ¼ Std. später jedoch  strandete er schon mit seinem Seekajak und Davids Seekajak im Schlepp auf der Insel.

 

Jim sicherte die Seekajaks, sammelte Holz, zündete ein Feuer an und schlief davor völlig erschöpft ein. Die Sonne weckte ihn so um 5-6 Uhr. Jim sichtete die Ausrüstung, fand auf Davids Seekajak sein GPS-Gerät, holte die Alkaline-Batterien (AAA) heraus und steckte sie in seinen Seenotsender, für deren Betrieb lt. Warnhinweis eigentlich nur Lithium-Batterien (AAA) verwendet werden durften. Dann schaltete er die Seenotbake an und gab ALARM. 45 Minuten später tauchte am Himmel ein Hubschrauber der kanadischen Coast Guard auf und zog ihn an einer Seilwind hoch. David wurde einen Tag später treibend im Wasser gefunden … tot.

 

„Lessons Learned“

 

Der SEA KAYAKER veröffentlich schon seit Jahrzehnten in fast jedem Heft einen Bericht über einen Seenotfall. Jeder dieser Berichte endet stets mit einem Abschnitt über „Lessons Learned“, in dem dazu Stellung genommen wird, was falsch bzw. was besser hätte gemacht werden können. Dieses Mal kommentiert Roger Schumann, ein bekannter Autor und Ausbilder, diesen Seenotfall.

 

Folgende Punkte möchte ich stichpunktartig aufführen und ergänzen, wobei einige Punkte davon ebenfalls von Jim Siegel (64) erwähnt wurden. Übrigens, Jim geriet zusammen mit David Gillette (63) bei ablandigen Wind-Bedingungen in Seenot, den David nicht überlebte.

 

Zuvor möchte ich jedoch noch eines anmerken:

 

„Nobody is perfect!“: Der ganze Seenotfall zeigt, das Jim ein erfahrener Seakayaker ist. Er war ausrüstungsmäßig für eine Küstentour gerüstet, ihm waren die Gewässerschwierigkeiten, die ein ablandiger Wind erzeugt, bewusst und er beherrschte die nötigen Rettungsmethoden so gut, dass er seinem weniger erfahrenen Mitpaddler David auch noch nach dessen 3. Kenterung wieder zurück ins Seekajak brachte. Aber – wie wir sehen – reichte das nicht. Wir müssen halt immer auf einen Seenotfall vorbereitet sein – auch wenn uns und unsere Bekannten seit Jahren noch nichts passiert ist - und entsprechend wohl überlegt paddeln. Das erfordert eine etwas noch perfektere Ausrüstung, einen etwas mehr auf Sicherheit angelegten Paddelkurs und etwas strengere Gruppendisziplin.

 

Was hätte nun Jim besser machen können?

 

Folgende Aspekte werden dabei tangiert:

 

(a) Routenplanung und Gruppenführung:

 

Höchstens im Abstand von ca. 10 – 30 m zum Ufer und höchstens ca. 10 – 15 m von einander entfernt paddeln, und zwar so, dass der erfahrenste Kanute, nämlich Jim, am nächsten zur Gefahrenquelle, also seeseitig, paddelt!

Mensch bleib dichter bei mir, ich habe ANGST um Dich. Ich habe ANGST, dass Du vom Wind abgetrieben wirst hinaus auf die raue See bzw. hinein in die Brandung. Dort besteht höchste Kentergefahr!“

 

(b) Ausrüstung;

 

 

è www.kanu.de/nuke/Idownloads/Kaeltetod.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Unterkuehlung-Schlussfolgerungen.pdf

è www.kanu.de/nuke/downloads/Kaltwasserpaddelnl.pdf

 

Nun, David trieb insgesamt höchstens 10 Minuten im Wasser, aber dafür war er mit seiner nassen Bekleidung ca. 14 Stunden dem – wenn auch tagsüber bis zu +24° C warmen - Wind ausgesetzt. Das genügte jedoch, um ihn so auszukühlen und folglich so handlungsunfähig werden zu lassen, dass er nach seiner 4. Kenterung nachts um 2 Uhr nicht mehr die Kraft hattet, trotz Schwimmweste seinen Kopf über Wasser zu halten.

 

(c) Rettungstaktik und –methoden:

 

„Erst wird die Person in Sicherheit gebracht, erst dann wird sich um sein Material gekümmert!“;

denn während des Einsammelns der im Wasser treibenden Ausrüstung von David, ist David immer weiter hinaus in immer höher werdenden Seegang getrieben!

 

è www.wavelengthmagazine.com/2010/10sp/10sp_skillset.html

siehe auch:

è www.kayarchy.co.uk/html/02technique/003raftingupandtowing/001.htm

è http://atlantickayaktours.com/pdf/No-Upload/Booklets/Towing.pdf

 

Damit die beiden Seekajaks im Päckchen nicht auseinander treiben, ist es hilfreich, wenn der Retter über ein kurzes Elastikseil verfügt, mit dem er das Heck bzw. den Bug des „Kenterbruders“ sichert. Übrigens, die Bug-zu-Bug-Methode kann nur dann angewendet werden, wenn das Seekajak des „Kenterbruders“ nicht über eine am Heck anmontierte Steueranlage verfügt, anderenfalls besteht für den Retter Verletzungsgefahr.

 

Zusammenfassung: Udo Beier

Quelle: SEA KAYAKER, No. April 2013, S.31-37

Link: www.seakayakermag.com/2013/June13/newfoundland.htm