05.06.2013 Seewetterberichte: (un)zuverlässig? (Wetter)

 

In dem folgenden Posting von Siegmund:

 

http://forum.kanu.de/showpost.php?p=29366&postcount=5

 

wird behauptet:

 

 

Gerüchteküche

 

Diese Aussage ist nicht mehr aktuell. Im Laufe der Jahre sind insbesondere die Seewetterberichte immer genauer geworden. Zumindest die Prognose für die folgenden 3 Tag ist recht präzise … auch am Wochenende. Das Gerücht, dass zum Schutze der Wassersportler am Wochenende stets 2 Bft. mehr Wind prognostiziert wird, ist eine unbelegte Behauptung. Eine Behauptung, die wohl daraus resultiert, dass insbesondere die Windprognose die maximal anzutreffende Windstärke einer Region angibt, die vielfach weit hinaus aufs offene Meer reicht. Da wir Küstenkanuwanderer uns dort selten aufhalten, ist halt der Eindruck entstanden, dass die Windstärke stets 2 Bft. höher prognostiziert wird, als danach aktuell gemessen, gefühlt bzw. gesehen wird. Ja, dieser Eindruck hat Substanz, aber ist nicht vom DEUTSCHEN WETTERDIENST (DWD) bewusst gewollt!

 

Interpretationsspielräume

 

Wenn also bei dem einen oder der anderen der Eindruck entsteht, dass die Seewetterprognose nicht zuverlässig ist, so kann das an Folgendem liegen:

 

  1. Die Seewetterprognose bezieht sich auf eine zu großes Gebiet (sog. „Gebietsprognose“).

 

So betrifft die Vorhersage des DWD u.a. die gesamte „Deutsche Bucht“:

 

è www.dwd.de > Wetter + Warnungen > Seewetter > Seewetter aktuell > Aktuelle Seewetterberichte für Nord-/Ostsee > Seewetter 3 Tage; oder > Mittelfristwetter

 

Die „Deutsche Bucht“ aber reicht etwa von Den Helder (NL) bis Esbjerg (DK). Da müsste es doch eigentlich nachvollziehbar sein, dass z.B. die angesagten Windstärken nicht überall zwischen Den Helder und Esbjerg zu erleben sind.

 

  1. Die Seewetterprognose beschränkt sich auf ein kleineres Revier (sog. „Revierprognose“),

 

z.B. „Ostfriesische Inseln“:

 

è www.dwd.de. „Wetter + Warnungen > Seewetter > Seewetter aktuell > Aktuelle Seewetterbericht für Nord-/Ostsee > Küstenwetterbericht

è www.wetterwelt.de (ein SMS-Bezahldienst)

è www.seewetter.de (ident. mit www.wetteronline.de ) > Nordsee > Deutsche Bucht > z.B. Ostfriesland

 

Der Prognoseraum erstreckt sich z.B. bei

 

DWD auf: Ostfriesische Küste, Elbmündung, Helgoland und Nordfriesische Küste;

WETTERWELT: Deutsche Bucht (Helgoland), Emsmündung, Ostfriesland, Elbmündung, Nordfriesland;

WETTERONLINE: Wesermündung, Elbmündung, Südlich Helgoland, Ostfriesische Küste, Nordfriesische Küste, sowie: Leer, Mellum, Juist, St.Peter-Ording, Sylt.

 

Eigentlich sind diese Prognosen recht genau … und wenn mal nicht, liegt es am „launischen“ Wetter und daran, dass wir uns halt nicht gerade dort in der Region aufhalten, wo die Böen einfallen.

 

  1. Die Seewetterprognose erfasst einen zu großen Prognosezeitraum (sog. „Langzeitprognose“).

 

Der Prognosezeitraum kann unterschiedlich lang sein:

 

DWD: max. 24 Std.;

WETTERWELT: 36 Std., und zwar jeweils: 00.00, 06.00, 12.00 und 18.00 Uhr; WETTERONLINE: 4 Tage (Windprognose) und zwar jeweils vor Vormittag, Nachmittag, Abend/Nacht) zzgl. 4 Tage (Wettertrend) und zwar pauschal für jeweils 1 Tag.

WINDFINDER: Allgemeine „Vorhersage“ (= 8 Tage) bzw. Superforecast (= 3 Tage).

 

Alle Prognosen, die über mehrere Tage gehen, beginnen ab dem 4. Tag, unzuverlässig zu werden.

 

  1. Die Seewetterprognose gilt für einen ganz bestimmten Ort (sog. „Lokalprognose“),

 

z.B. „Spiekeroog“ oder „St.Peter-Ording“:

 

è www.windfinder.de > so lange auf die Karte klicken, bis der gesuchte Ort erscheint (sofern für ihn Prognosen erstellt werden).

 

Wie wir Punkt 2. entnehmen können, bietet teilweise auch WETTERONLINE solche „Lokalprognosen“ an. Weiterhin bietet WETTERWELT einen „Premium-SMS-Seewetterdienst“ an, der nicht nur die Wetterentwicklung für die nächsten 60 Std. vorhersagt, sondern diese auch auf einen ganz bestimmten Punkt (hier: geografische Koordinaten) bezieht. Das Risiko, dass exakt für diesen Ort die Vorhersage nicht zutrifft, ist natürlich etwas höher bei einer „Revierprognose“ bzw. „Regionalprognose“.

 

Übrigens, WINDFINDER bietet eine allgemeine „Vorhersage“ an (mit einer Auflösung von 27 km) und einen „Superforecast“ mit einer Auflösung von 12 km. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Vorhersage nicht exakt zutrifft, ist natürlich bei einer „Lokalprognose“ größer als bei einer „Revierprognose“

 

  1. Die Seewetterprognose gilt für eine ganz bestimmte Stunde (sog. „Stundenprognose“):

 

è www.windfinder.de > Lokalsuche > Vorhersagen; oder > Superforecast

 

Die „Vorhersagen“ erstrecken sich jeweils auf 3 Std., und zwar für 8 Tage; und der „Superforecast“ auf exakt 1 Std., und zwar für 3 Tage.

 

Wie wir uns selber überzeugen können, weicht der 3-Tage-„Superforecast“ von der 8-Tage-„Vorhersage“ etwas ab, was jedoch nicht dafür spricht, z.B. eine der beiden oder beide Wind-Prognosen zu ignorieren. Vielmehr können wir aus diesen Prognosen eine Bandbreite, also Min/Max-Werte herausarbeiten, die für die voraussichtlich zu erwartenden Windstärken gültig sind.

 

  1. Die Seewetterprognose erfasst nicht nur die Windrichtung/-stärke, sondern auch weitere Wettereigenschaften. Z.B.

 

DWD: Windrichtung/-stärke, Böen, signifikante Wellenhöhe, Wettererscheinungen (z.B. Nebel, Niesel, Regen, Schauer, Gewitter; Schneeregen, Schneefall, Frost);

WETTERWELT: Wassertemperatur, Windrichtung, Windstärke, Windböen, Wellenhöhe, div. Wettererscheinungen (s. DWD);

WETTERONLINE: Lufttemperatur (min/max), Windrichtung-/stärke, Böen, Wellenhöhe/-richtung, Wolken/Niederschlag, Wassertemperatur, Satellitenfilm (Wolken).

WINDFINDER: Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Windböen , Wellenrichtung, Wellenhöhe, Wellenperiode, Bewölkung, relative Luftfeuchtigkeit, Neiderschlagsart, Niederschlag, Luftdruck, Lufttemperatur. gefühlte Lufttemperatur;

 

Dass all diese Prognosen für unseren Standort zutreffen, würde für die Präzision solcher Vorhersagen sprechen. Leider neigen wir manchmal dazu, wenn mal eine einzelne Eigenschaft nicht zutrifft, den ganzen Seewetterbericht infrage zu stellen.

 

  1. Die Seewetterprognose wird nach gewissen Abständen aktualisiert. Z.B.

 

DWD: mehrmals am Tage;

WETTERWELT: um 06.00 und 18.00 Uhr;

WETTERONLINE: um 02.00 Uhr;

WINDFINDER: um 06.00, 11.00, 17.00 und 23.00 Uhr.

 

Wer also eine möglichst exakte Seewetterprognose erhalten möchte, sollte darum bemüht seinen, einen Seewetterbericht abzurufen, der möglichst aktuell ist.

 

  1. Die Seewetterprognose nennt i.d.R. den „Gradientwind“.

 

Dieser Wind wird mit Hilfe des regionalen und zeitlichen Verlaufs der Hochs und Tiefs sowie den Abstände der Isobaren automatisch errechnet.

 

Komplexe topografische Besonderheit (z.B. Kap-/Düsen-/Fallwind-/Abdeckungseffekte, Windablenkungen durch Steilküsten (sog. „Reibungseffekte“, „Konvergenz-/-divergenz-Effekte“), Seegangsabweichungen durch Untiefen) können meist nicht erfasst werden.

 

Das gilt auch für lokale thermische Effekte. So verstärkt oder vermindert der lokale Seewind nicht nur die prognostizierte Windstärke, sondern er beeinflusst auch die prognostizierte Windrichtung. Wird also bei sonnigem Wetter an der Westküste Jütlands (DK) ein 4er Wind prognostiziert, so können wir aufgrund des dortigen Seewindes damit rechnen, dass es dort tatsächlich mit 5-6 Bft. aus West blasen wird, während wir an der Ostküste nur einen 2-3er Wind aus West erleben werden.

 

è www.kanu.de/nuke/downloads/Windeffekte.pdf

 

So etwas muss uns bewusst sein. Nur dann sind wir in der Lage, die Seewetterprognose richt zu deuten.

 

Fazit

 

Wie wir sehen, ist die Seewetterprognose für einen bestimmten Ort, wo wir uns befinden, nicht 100%ig zutreffend. Aber auch ein aktueller Messwert z.B. für Hamburg, wird z.B. für einen, der in einem bestimmten Stadtteil wohnt, nicht unbedingt zutreffen. So kann er von Regenschauern und Schauerböen verschont bleiben, die irgendwo anders in Hamburg sich austoben.

 

Das heißt natürlich nicht, dass wir uns auf all diese Seewetterprognosen nicht verlassen können. Je mehr solcher Prognosen wir abrufen, desto eher sind wir in der Lage die „Bandbreite“ des Seewetters zu erfassen. Schauen wir dann noch zusätzlich vor Ort in den Himmel, prüfen die Windrichtung/-stärke und beobachten die Wolkenbildung, dann sind wir sehr wohl in der Lage, uns eine individuelle Seewetterprognose „zusammenzubasteln“, was ohne die Kenntnis der offiziellen Seewetter- und allgemeinen Wetterberichte nicht so ohne Weiteres möglich sein würde.

 

Ja, als ich mal vom Randersfjord zum Mariagerfjord in Dänemark paddelte, tauchten am Horizont im Westen kräftige Kumuluswolken auf. Ein Einheimischer meinte dazu trocken: „In 1 Stunde bricht hier die Hölle los!“ Ich lächelte und verließ mich lieber auf meine damals noch vielfach praktizierte individuelle 50-%-Wetterprognose: „Das Wetter bleibt wie es ist!“ Nun, 30 Minuten später wurde es stockdunkel und nach weiteren 15 Minuten herrschte „Land-unter-Stimmung“! Und was prognostiziert der DWD. Keine Ahnung; denn auf den konnte man sich damals – Ende des letzten Jahrtausends - noch nicht so recht verlassen.

 

Text: Udo Beier