25.02.2014 Windeffekte (Wetter)

 

In SEGELN stellt Hinnerk Stumm in dem Beitrag:

 

„Wissen, wie der Wind weht“

 

die folgenden Windeffekte vor:

 

 

Diese Windeffekte beeinflussen die Windstärke des lokalen, also tatsächlich vor Ort zu beobachtenden Winds. Während überregionale Wetterberichte überwiegend nur jenen Wind prognostizieren, der auf den Abstand der Isobaren zurückzuführen ist (è Gradientwind).

 

Das ist wichtig zu wissen! Wer z.B. bei 3 Bft. Wind hinaus aufs Meer paddelt, wird – sofern die Strömung nicht gegen den Wind läuft (è aufsteilende See) und die Tour nicht über Untiefen führt (è Grundseen) – „unschwierige“ Gewässerbedingungen erleben, sofern er nicht ganz unerfahren ist.

 

Das kann sich aber im Sommer bei Sonnenschein schnell ändern, wenn das Land sich so stark erhitzt, dass dort die warme Luft aufsteigt und vom Meer her kältere Luft „ansaugt“ (è Seewind). Je heißer es am Tag wird, desto früher kann dieser Seewind einsetzen und desto stärker kann er werden.

 

An der Ostsee kann dieser Seewind auf bis zu 4 Bft. zunehmen, im westlichen Mittelmeer bis zu 5 Bft. und in der Ägäis sogar bis zu 6 Bft. D.h. selbst bei einem Gradientwind von 1 Bft. kann die Küstentour bei einsetzendem Seewind plötzlich recht anspruchsvoll werden.

 

Weht z.B. entlang der ost-schwedischen Schärenküste der Gradientwind selbst schon mit 3 Bft. aus südlicher Richtung, dann kommt er aus derselben Richtung wie der Seewind. Die Folge: Es ist eine Verstärkung des vom Wetterbericht prognostizierten Winds zu beobachten. 5-6 Bft. Wind und mehr können dann gemessen werden.

 

Wenn wir Pech haben, befinden wir uns dann gerade zwischen zwei in West-Ost-Richtung nebeneinander liegenden Inseln. Die Durchfahrt zwischen den beiden Inseln wirkt dann wie eine Engstelle, durch die der Wind gedrückt wird, was zu einer zusätzlichen Erhöhung des Windes führt (è Düseneffekt).

 

Wenn uns dann der Wind zu viel wird, peilen wir sicherlich die Leeseite der nächsten Insel an und hoffen, uns dort von den Strapazen erholen zu können, bevor wir dann weiter im Windschutz paddeln können (è Abdeckungseffekt).

 

Von diesem Windschutz können wir jedoch nur dann profitieren, wenn wir möglichst dicht unter Land paddeln. Je weiter wir uns vom Land wegtreiben lassen, desto stärker wird wieder dieser Wind. Die Zone der totalen Windabdeckung (è Flautenzone) ist abhängig von der Höhe der Insel. Sie reicht etwa bis zur 10fachen der Inselhöhe hinaus aufs Meer, also bei einer 30 m hohen Insel ist die Flautenzone bis zu 300 m breit. Dennoch würde ich jedem Windschutz suchenden Küstenkanuwanderer raten, möglichst dicht entlang der Insel zu paddeln; denn es ist nicht auszuschließen, dass sich der über die Insel wehende Wind immer mal wieder verwirbelt und diese Windwirbel einen dann ganz plötzlich durcheinander schütteln (è Fallwinde).

 

Trotzdem ist es für weniger erfahrene Küstenkanuwanderer nicht falsch, bei Wind eher entlang der Lee- als der Luvseite zu paddeln. Wenn ganz dicht entlang der Insel gepaddelt wird, ist auch die Gefahr nicht so groß, von Fallwinden überrascht zu werden. Irgendwann aber möchten wird dann doch mal entlang der Luvseite paddeln. Wenn der Wind genau im Winkel von 90° auf die Insel trifft, wird der Wind davor aufgestaut und verliert etwas an Stärke (è Luvstau). Das können wir bei Steilküsten beobachten, die kilometerweit parallel zum Meer verlaufen. Ansonsten verfügt das Inselufer über Buchten & Kaps. Dort kann dann eine Verstärkung des Windes beobachtet werden (è Ablenkungseffekt), der durch hervorstehende Kaps noch zusätzlich verstärkt werden kann (è Kapeffekt). Wenn wir also entlang der Luvseite einer Insel gegen den Wind anpaddeln und vor uns ragt ein Kap aufs Wasser hinaus, so können wir sicher sein, dass der Wind noch zunehmen wird. … und nicht nur das, sondern mit der Windzunahme erhöht sich auch der Seegang (è Windsee), der sich durch Reflexionswellen zusätzlich verstärkt, wenn wir dicht entlang einer Felsküste paddeln.

 

Wenn solche Gewässerbedingungen uns einfach zu anspruchsvoll werden, ändern wir sicherlich unsere Route und peilen bei der nächsten Insel wieder die Leeseite an. Dort angekommen erleben wir aber u.U., dass es auch dort windet. Der Grund dafür kann darin liegen, dass der Wind sich von der Landschaft ablenken lässt, sich quasi von den Inseln sich durch das Gewässer (z.B. die Schären) leiten lässt (è Leiteffekt). Die Folge: statt den Wind von der Seite zu erleben, paddeln wir nun gegen an.

 

Fazit

 

Tagestemperaturen & Küstenformationen wirken sich verstärkend bzw. abschwächend auf den Gradientwind aus. Je höher die Tagestemperaturen in einem Gewässer ansteigen und je höher & steiler und felsiger & zerklüfteter die Küste ist, desto stärker können sich die hier beschriebenen Windeffekte ausprägen. Die meisten „Mittelmeerkanuwanderer“ werden das bestätigen können. Die Erfahreneren von ihnen sind daher eher im Mai bis Mitte Juni bzw. im September bis Anfang Oktober unterwegs und starten tagtäglich auch früher und hören schon mittags auf zu paddeln, nicht um der Mittagshitze zu entgehen, sondern dem Seewind (Maximum etwa 14-15 Uhr) mit all seinen Nebeneffekten.

 

Text: Udo Beier

Quelle: SEGELN, Nr. 3/14, S.34-41 – www.segelnmagazin.de

Link: www.kanu.de/nuke/downloads/Windeffekte.pdf